"Nach allem was ich höre, wächst die Neugier auf dieses europäische Land im Osten des Kontinents, seine Kultur, seine Menschen, seine abenteuerlichen politischen Verhältnisse. Das war auch der Antrieb für dieses Buch....."
(aus dem Epilog)
Der 1953 in der Ukraine geborene Ökonom und Diplomjournalist Viktor Timtschenko hat mit seinem, im März 2009 erschienen Sachbuch "Ukraine. Einblicke in den neuen Osten Europas" eine aktuelle Bestandsaufnahme des größten europäischen Landes vorgelegt. Einerseits humorvoll mit einem Augenzwinkern, andererseits aber auch mit gebotener Ernsthaftigkeit und Kritik nimmt er die Eigenheiten seines Heimatlandes und seiner Mitbürger unter die Lupe. Nach einem Prolog, zu dem auch eine kleine Landkarte der Ukraine samt angrenzendende Nachbarstaaten gehört, folgen 21 betitelte Abschnitte, die informativ und unterhaltsam geschrieben mitunter zum Schmunzeln verleiten, jedoch auch nachdenklich und betroffen machen können....
Nachdem der Autor geklärt hat "wo die Ukraine liegt" begibt er sich von der "Hauptstadt in die Provinz". Hierbei kommt er u. a. auf die weit verbreitete Korruption im Land zu sprechen. Auf "feste Tarife" an den Hochschulen und sogenannte "Kuvertlöhne". Manchmal zählen jedoch freundschaftliche Beziehungen mehr als ein Bestechungsgeld, z. B. bei ärztlicher Behandlung. Kaum jemand schließt noch eine Versicherung ab, denn die zahlt im Schadenfall sowieso nicht. Geschäfte werden nur nach dem Prinzip Geld gegen Ware, z. B. nicht beim Notar, sondern am Bankschalter gemacht.
Timtschenko hat die Geschichte seines Landes in mehreren Abschnitten wohl dosiert aufbereitet. Am Anfang der "Bewegten Geschichte" schildert er die Folgen des Hitler-Stalin-Paktes und des (heute vor 70 Jahren durch den deutschen Überfall auf Polen begonnenen) 2. Weltkrieges. Die Gemeinsamkeiten mit, und Gegensätze zu Russland, sowie der am 28. April 1947 begonnene Kampf der "Ukrainischen Aufständischen Armee" gegen die Sowjets. Ein andauernder Konfliktherd ist die mehrheitlich von Russen bewohnte "Autonome Republik der Krim", die Nikita Chrustschow den Ukrainern im Jahre 1954 zum "Geschenk"
machte.....
Seit 1984 gibt es auf der Halbinsel, beim stillgelegten Atommeiler Kazantip ein "Raver-Festival", das zwanzig Jahre später zwar 70.000 Teilnehmer anzog, jedoch wie die Berliner Loveparade den Pfad der Monetisierung eingeschlagen hatte. In "Die Ursprünge der Ukraine" erzählt der Autor in einem weiten Bogen die Geschichte des Landes seit seiner erstmaligen Erwähnung in der "Nestorchronik" mit den Kyiwer Rus, deren Fürsten und ihrer Christianisierung, über den Mongolensturm, die Zeit der Kosaken-Hetmane, dem Vertrag mit dem Zarenreich, die Ukrainische Volksrepublik (1918 - 1919) bis hin zu den Verstrickungen in die Naziverbrechen in Babyn Jar (1941). Timtschenko beklagt, dass mit dem Systemwechsel zum Kapitalismus auch der Antisemitismus wieder verstärkt Einzug in die ukrainischen Köpfe gehalten hat. Für die Erklärung des Begriffes "Rus" nennt er mehrere Theorien, wobei das slawische Wort "russyj" für hellhaarig am plausibelsten erscheint.
Auf Seite 31 hat der Leser bereits Bekanntschaft mit "Surshyk" einer Mischung aus ukrainisch und russisch gemacht. Im nächsten Abschnitt erfährt er, dass es spürbare Unterschiede im Wortschatz der beiden Sprachen gibt. Zahlreiche ukrainische Worte verstehen Russen nicht, weil sie im Russischen absolut anders lauten. Der grammatische Unterschied zwischen beiden Sprachen ist etwa so wie zwischen Tschechisch und Slowakisch. Nach einer äußerst kritischen Auseinandersetzung mit der "Orangenen Revolution" , die eben eine solche gar nicht gewesen sei ihren (leeren) Versprechungen, politischen Praktiken und juristischer Folgenlosigkeit, setzt der Autor die Betrachtung seiner Muttersprache im (kulturellen) Kampf mit dem Zarenreich und den späteren Sowjets fort. Vor allem Zar Peter I. und Zarin Katharina II., in Russland und anderswo mit dem Attribut der/die "Groß(e) ausgestattet hatten bei der Unterdrückung der Ukraine besonders hervorgetan.Der Dezember 1991 markierte mit der Trennung der beiden Staaten, auch die "Loslösung vom verhassten Blutsbruder" (S. 88).
Ein heftig umstrittenes Ereignis ist die Hungersnot von 1932/33 bei der 3,5 Millionen Ukrainer ihr Leben verloren. Unter der Bezeichnung "Holodomor" (von ukrai.: Holod=Hunger" und ostlaw.: Mor=Tod, Seuche, Massensterben) wurde sie von bisher 20 Staaten als Genozid anerkannt. Obwohl der umstrittene Begriff keine etymologische Verwandtschaft zum Holocaust (von griechisch holokautoma) besitzt, ist er jedoch geeignet die Einzigartigkeit der Schoah in Frage zu stellen.
Der Darstellung der ukrainischen Rüstungsindustrie und den ungeheuerlichen Vorgängen und Versäumnissen bei GAU im ukrainischen KKW Tschornobyl, folgt ein schonungsloser Bericht über die Privatisierung nach dem Ende der UdSSR und die Praktiken des Organisierten Verbrechens. Religion und die Vorstellung berühmter und verdienter Ukrainer, wie Dmytro Mendelejew (Schöpfer des Periodensystems), Ihor Sikorsky (Konstrukteur von US-Hubschraubern), Juri Kondratjuk (Vater der Mondlandung) sind die Gegenstand der nächsten Artikel. Hierbei kommt Timtschenko zum Ereignis, dass die Ukrainer schon Europäer waren, lange bevor Europa sich selbst auf die EU beschränkte.....
Eine kleine vergleichende Gesellschaftskunde gibt einen "Knigge", wie man sich als Ausländer in der Ukraine verhalten sollte. Danach wird der Leser mit den Ess- und Trinkgewohnheiten der Ukrainer bekannt gemacht. Alles im Überfluss! So auch der Horilka (von hority=in Flammen stehen) der nach dem "Motto Alkohol in Maßen ist in beliebiger Menge bekömmlich" getrunken wird. Dem sensationellen Siegszug des "Nowyj swet 1899" bei der Weltausstellung in Paris folgt eine Glosse über "Die Bedeutung des Specks für die Demokratie". Obwohl Timtschenko bekennt, kein guter Koch zu sein, offeriert dennoch ein paar Rezepte für ukrainische "(Ess-)Kleinigkeiten", wie Bortsch, Warenyky oder "Jüdischen Salat".
Den Abschluss des 223seitigen Softcovers bildet ein Anhang mit 87 verschiedenen Fusnoten, den Basisdaten des Landes, Kontakt- und Emailadressen, sowie den Einreisebestimmungen. "Ukraine" ist eine toppaktuelle Lektüre, die nicht nur Ukraine-Reisenden wertvolle Informationen über des Landes Geschichte, Spezialitäten und Schätze geben kann. 5 Amazonsterne.