Grotesk. Schockierend. Völlig daneben. So kann man den "Uhrmacher" wohl prägnant charakterisieren. Wobei ich das alles durchweg als positiv gemeint verstanden wissen will.
Die Welt, in der sich der Uhrmacher, Rosemarie Weinke und die sie Umgebenden bewegen, hat so manche Schnittstelle mit dem, was man gemeinhin als Realität bezeichnet. Trotzdem funktioniert sie nach etwas eigenen Gesetzen.
Es ist gerade die Selbstverständlichkeit in der Schilderung des Absurden und physikalisch Unmöglichen, die das Buch interessant macht.
Jede Figur hat ihre eigene faszinierende Geschichte, ihren eigenen Minikosmos, nicht zuletzt der Erzähler selbst, der ab und an sein Gegenüber anpöbelt oder sich sonstwie in die Handlung einschaltet. Des Uhrmachers Nachbar beispielsweise ist Gott und Lebensgeber eines Naturvolks. Frau Weinke lebt hauptsächlich im Glasturm eines Schlosses inmitten eines Parks, zu dem es keinen Eingang gibt. Und dann taucht auch noch eine Geheimorganisation samt einiger Mitglieder auf. Verworren, sollte man meinen - am Ende passt aber plötzlich alles. Ich selbst wünsche mir ein Spin-Off-Buch mancher Figuren als Fortsetzung.
Sicherlich wird sich manch Leser schon im Kapitel 3 überlegen, ob er weiteren spontanen Würgereflexen gewachsen sein wird. Das Publikum meiner Lesebühne, auf der ich betreffendes Kapitel vorgelesen habe, bezeichnete sich hernach als nachhaltig traumatisiert. Weicheier, kann ich da nur sagen. Mir selbst kam nur ganz, ganz kurz das Frühstück hoch. Da muss man sich eben selbst entscheiden, ob man sich auch mal einer Herausforderung stellen oder stattdessen über schöne Landschaften lesen will.
Selbst die scheinbar übersteigertsten (meist sexuellen) Handlungen (an anderen oder sich selbst), die in anderen Büchern als pure Provokation aufgefasst werden würden, scheinen im "Uhrmacher", nach kurzer Gewöhnungsphase, einfach selbstverständlich. Andy Strauß hat eine runde, perverse Welt erschaffen und seine Sache gut gemacht.