Nach den gitarrenpop-lastigen "Stories From The City, Stories From The Sea" meldet sich Polly Jean Harvey mit einem auffallend sparsam produzierten Nachfolger zurück. Technische Spielereien sucht man auf "Uh Huh Her" vergebens, die Songs sind einfach, reduziert und direkt, Pollys Ausnahmestimme kommt so ideal zur Geltung.
Der Eröffnungstrack besticht durch einen unerbittlich treibenden Groove. Bedrohlich bohrt sich das schleppende Gitarrenriff unterstützt von Rob Ellis' monotonem und extrem akzentuiertem Drumming mit jedem weiteren Schlag einen Stück tiefer in den Gehörgang. Voller Verachtung klagt Polly hier den notorischen Lügner „Mr Badmouth" an, bis sich dieser schließlich vor Angst weinend in der Ecke verkriecht. Leises Hintergrundgeschrammel, eine zurückhaltende Harmonika und ein minimalistischer Drumloop untermalen Pollys expressiven Gesang in "Shame" derart unaufdringlich, dass sich das beschriebene Schamgefühl langsam aber sicher im gesamten Raum ausbreitet. Frei von jeglicher Scham rotzt "Who the fuck?" einem plötzlich und ungefragt vor die Füße, beschwert sich im Vorbeigehen wie ein bockiger Teenager mit tourette-Syndrom, äußert zuletzt nur noch manische Laute und verschwindet nach zwei Minuten wieder genauso plötzlich hinter der nächsten Häuserecke, um einen verwirrt zurück zu lassen. Die anschließenden hippieesken Klänge versprechen Erholung von dieser Begegnung, doch zerstört Polly die Idylle mit ihrem beunruhigend glänzenden „Pocket Knife", das sie immer mal wieder aufblitzen lässt. "The Letter" ist eine leidenschaftlich rockende Liebeserklärung an eine etwas angestaubte Kommunikationsform und besitzt das wohl größte Hitpotenzial auf dem Album.
Weiter geht es mit dem wahrscheinlich leisesten Song, den P J Harvey je veröffentlicht hat. Ihr fragendes Flüstern fesselt einen im willenlosen Halbschlaf, surreale Bilder ziehen vorbei. Ein geflügelter Junge injiziert mit seinen Pfeilen "The Slow Drug", die alsbald den gesamten Körper durchströmt und einen nicht loslässt, bis der behutsame Fade-Out durch die Folk-Gitarre des folgenden Einminüters "No Child Of Mine" abgelöst wird. Polternde Gitarren und die Aufforderung, das Radio lauter zu drehen leiten "Cat On The Wall" ein, Polly klingt hier so naiv und zerbrechlich wie das 17jährige Mädchen, das sie besingt. Es folgen ausschließlich sehr ruhige Songs und Interludes.
Die Ballade „You Come Through" erzeugt durch seine dezente exotische Percussion eine fast karibische Atmosphäre. „It's You" hat einen interessanten Spannungsbogen zu bieten. Es wird von einem später wiederkehrenden schicken Pianothema eingeleitet, das in einen warmen, verzerrten, an „Is this Desire?" erinnernden Basslauf übergeht, der Pollys sinnlichen Gesang nachahmt. Im „Desperate Kingdom of Love" begleitet sich P J Harvey selbst auf der Akustikgitarre und scheint dabei den eigenen gerade erzielten Lautstärkerekord noch einmal unterbieten zu wollen.
Den traurig-schönen Abschluss bilden "The Darker Days of Me & Him" mit dem rührend vertonten Wunschzettel „no neurosis / and no psychosis / no psychoanalysis / and no sadness". ;(
Für Fans ein Muss, für alle anderen ein Soll.