Die Leben des Lügners
Ein Roman von Aziz Nesin
«Wir beneiden Sie. Uns nimmt man in Amerika nicht so ernst, dass man uns ins Gefängnis wirft. Wir sind schon glücklich, wenn unser Volk 20 Jahre später erfährt, was wir gesagt haben.» Die Worte des Dramatikers Arthur Miller waren an den türkischen Satiriker Aziz Nesin gerichtet. Sie drückten zugleich Anerkennung für einen geschätzten Kollegen und Resignation über die Zustände in der Türkei aus. In der Tat hatten und haben grosse Schriftsteller des Landes wie der engagierte Lyriker Nazim Hikmet, die «traurige Gestalt» der türkischen Literatur, wie der weltweit geehrte Romancier Yasar Kemal, der «Grandseigneur» der türkischen Autoren, oder wie eben jener Istanbuler «Poltergeist» Aziz Nesin, der profilierteste Satiriker nie unter Mangel an Popularität gelitten. In der Tat aber hatten und haben ihnen offene Worte und ihr literarisches Schaffen stets auch einen Platz in den Gefängnissen gesichert. Wobei eines stets eng mit dem anderen verbunden war.
So kommt es nicht von ungefähr, dass Gefängnisse, Kriminelle und kleine Gauner sich auch in den Werken dieser Autoren wiederfinden. In den siebziger Jahren verfasste Aziz Nesin einen Roman, der den europäischen Leser ein wenig an die Erlebnisse des Felix Krull erinnert; auch wenn er ein oder zwei Etagen tiefer auf der sozialen Leiter spielt. Doch auch im Mittelpunkt jenes Werkes, «Der einzige Weg», steht ein Hochstapler und notorischer Lügner: Paschazade, dessen Leben stets zwischen einer Zelle und einer Gaunerei spielt. Dabei fängt alles schon beim Namen an. Paschazade, «Sohn des Paschas», nannten ihn Mithäftlinge. Wie er wirklich hiess, wusste keiner. Einmal nannte er sich Ahmet, dann Veli, mal war er Vehbi Bey, mal Rifat Kocaeli. Seinen wahren Namen wusste vielleicht auch er selbst schon nicht mehr.
Rollenspiele
Hinter jedem Namen aber verbarg sich eine Geschichte. Mal war er Kommissar, mal Oberkellner, mal war er Rechtsanwalt, mal gar ein «deutscher» Muslim. Jede Rolle war ein neuer Versuch, nach einem Aufenthalt im Gefängnis wieder irgendwie ins Leben zurückzukehren und das tägliche Brot zu sichern. Seine Wegbegleiter waren aber stets das Kainsmal des Straffälligen und die Mittellosigkeit. Eins ums andere Mal übernahm er neue Rollen oder Jobs; immer im Wissen, dass am Ende wieder eine Gaunerei stehen würde. Denn für ihn war klar, dass es nur eine Frage gab: Wer ist schneller? Weiss zuerst die neue Umgebung oder der neue Arbeitgeber von seiner Vergangenheit und jagt ihn davon? Oder wird es ihm diesmal gelingen, sich zuvor mit irgendeinem Vorteil selbst davonzustehlen? Dazwischen gab es für ihn keinen Weg, zumindest nicht nach seiner Ansicht. Sich in der Gesellschaft einzurichten schien ihm unmöglich. Deswegen auch nannte er seinen Weg den «einzigen Weg».
Schon das allein gibt einen Roman her. Doch Nesin wäre nicht der erste Satiriker seines Landes, würde er dem Stoff nicht mehr entlocken. Bei ihm wird Paschazade zugleich ein Mensch, der aller Welt sein Leben und seine Geschichten erzählt. Die Geschichten des Ahmet, des Veli, des Vehbi Bey oder des Rifat Kocaeli. Er erzählt sie mit Erfindungsreichtum und Akribie, würzt mit Witz und Charme, spinnt neue Begebenheiten hinein und lässt neue Personen erstehen. Fürwahr: Paschazade erfindet, und er findet sein Leben. Zwischendrin fügt Nesin einige kleine Begebenheiten hinzu und lässt seinen Helden noch plastischer werden. Vor den Augen des Lesers wird aus der «verkrachten Existenz» und aus einem «verpfuschten Leben» wie wir es ohne Nesins Anleitung schlicht bezeichnen würden das Dasein eines Lebenskünstlers und brillanten Erzählers. Hätte es doch nur einen anderen Anfang genommen . . .
Schwereloses Erzählen
Aziz Nesin gilt als der profilierteste Satiriker seines Landes, als der politischste, der scharfzüngigste und in der Sprache wohl direkteste der grossen Schriftsteller der Türkei. Seine Romane und Erzählungen sind am ehesten mit Karikaturen zu vergleichen. Mit leichter Hand zeichnet er Gesellschaften und Menschen und gibt allem und allen einen Schuss ins Tragisch-Komische. So etwa in der Episode um Paschazade als «deutscher» Muslim. Darin kommt sein Held in ein Dorf. Ein Mann spricht ihn an, doch er hat keine Lust zu antworten. Andere kommen hinzu, und man überlegt, wer der mundfaule Geselle wohl sein möge. Ob er vielleicht gar kein Türkisch könne? Ein Wort gibt das andere. Und eh er sich's versieht, ist Paschazade ein deutscher Ingenieur, der in die Türkei gekommen ist, um Muslim zu werden. Plötzlich reisst man sich um ihn, beherbergt und umsorgt ihn. Einer will ihn gar zum Schwiegersohn. Paschazade scheint sein Glück gefunden zu haben bis die Presse von dem «Konvertiten» hört und berichtet. Sofort kommt die Polizei; und plötzlich ist es vorbei mit der Liebe der Dörfler. Nun behauptet jeder, Paschazade habe ihn um Ehre, Geld oder Gut gebracht. Schnell dreht sich das Fähnlein in Schilda . . .
Aziz Nesin schreibt nichts, worüber man nicht nachdenken müsste. Man erfährt viel über die Türkei und ihre Menschen und ebensoviel über Gesellschaften und ihr Verhältnis zu ihren einzelnen Gliedern; hier oder irgendwo. Wir müssen das Geschriebene wahrlich nicht auf die Türkei beziehen. Das macht ihn lesenswert. Doch das Schönste an seinen Erzählungen ist, dass sie auch ohne viel Nachdenken einfach nur als wunderschöne Geschichten genommen werden können. In diesem Fall als die heitere(n) Geschichte(n) eines grossen Erzählers oder eines kleinen Gauners ganz wie man möchte.
Volker S. Stahr