Standardfrage an jeden Reiseführer: was erwarte ich von einem Reiseführer. Das mögen andere Leute anders empfinden (und diese Rezension dann fairerweise nicht weiterlesen): ich erwarte Ausgewogenheit: daß ein Autor die Gegend auch auf Gebieten abgrast, die nicht die seinen sind, und sich Informationen verschafft, die ihn selbst nicht die Bohne interessieren. Und ich erwarte Aufgeschlossenheit und Zuneigung (was sich mit einer Einstellung "ich fahre dahin, um meine Vorurteile bestätigt zu sehen" nicht gut verträgt.)
Von beidem konnte ich nur wenig feststellen. Für diese Reihe und ihren sehr speziellen Anspruch (den ich im Übrigen für gut halte) kommt es mir an manchen Stellen so vor, als habe man einen Atheisten geschickt, um über den Vatikan zu schreiben, oder einen überzeugten Neoliberalen auf eine Reise nach Kuba.
Nur zwei Beispiele: Die Autorin widmet dem Kapitel Musik keine zehn Seiten (netto): eineinviertel davon (S. 213 und 215) dem Jazz, was mir beim Thema "New Orleans" als vergleichsweise sehr wenig erscheint (wie gut recherchiert die 1,x- Seiten sind, kann ich nicht sagen, da ich davon nichts verstehe), zweieinhalb Seiten (S. 130, 132-133) dem Country (das ist wenig. Dazu ist es gespickt mit Vorurteilen und von vergleichsweise wenig , man kann auch sagen: keiner Sachkenntnis getrübt), eineinviertel Seiten über den Blues (137 - 140; die Bilder habe ich rausgerechnet) und eine halbe Seite (S. 143) dem Gospel. Auch das erscheint mir sehr stiefmütterlich. Das alles wird nur getoppt von dem Umstand, daß fast drei Seiten im besten Baedeckerstil Mr. Elvis Presley gewidmet sind.
Beim Thema Literatur ist die Situation ebenso "ausgewogen". So richtig thematisiert wird Faulkner, am Rande am angesprochen beispielsweise Toni Morrison und Margaret Mitchell, das war es dann auch schon. Dafür überrascht die Vorliebe, mit der die Autorin die durch kein Bedürfnis nach Objektivität geprägten Ausführungen des V.S. Naipaul zitiert.