Boston 2001 wird im Allgemeinen als Schwächere der beiden "Elevation"-DVDs gesehen. Ganz lässt sich das nicht widerlegen. Slane Castle ist wirklich eine Klasse für sich, es hat alles: Stimmung, tollen Sound, großartige Einzel-Performances, 4 spielfreudige Burschen, denen vor Vergnügen schon das Lachen auskommt und - mit das Wichtigste - ein frenetisches irisches Publikum.
Dieser Punkt wird in Fankreisen immer am stärksten kritisiert: "Diese Amis verstehen nichts vom Feiern" ist da zu lesen. Trotzdem muss ich hier für dieses Konzert einmal eine Lanze brechen. Tatsächlich liegt die Stärke der Boston-DVD nicht in der Ausgelassenheit des Publikums sondern in den stimmungsvollen, eher ruhigen Momenten.
Hamish Hamilton gelingt es, den Geist der Elevation Tour 2001 einzufangen, die sich fast nur in Hallen abspielte und die grelle, sarkastische PopMart Tour (1997/98) ins Gegenteil verkehrte: Intimität (herzförmige Bühne!), weiches Licht und purer Soul waren die Leitthemen, die vom zugehörigen Album (All That You Cant Leave Behind) in direkter Linie ins Tourkonzept übersetzt wurden. Die Essenz der U2 Musik aus 20 Schaffensjahren - hochfliegende Euphorie, bisweilen Wut und die Brust zuschnürende Traurigkeit - wurde destilliert und in konzentrierter Form ausgebreitet. Was herauskam war die meines Erachtens beste U2-Tour aller Zeiten. Daher ist ein direkter Vergleich mit den beiden, ebenfalls großartigen Tourneen der 90er Jahre (ZooTV, PopMart) nicht aussagekräftig; sie waren konzeptionell einfach verschieden und sind daher nicht vergleichbar.
Zurück zur DVD: Sehr schön gelungen sind jene Szenen, in der die ganze Halle immer wieder in ein großes Panoptikum verwandelt wird, und weiches Scheinwerferlicht alles in ein magisches Halbdunkel legt. Ein schöner Kontrapunkt zum kalten, blauen Licht auf der Slane Castle Bühne, wo manche Szenen eindeutig überbelichtet sind. Die Kameraführung ist toll, der Regisseur liebt Großaufnahmen sowohl von Details der Instrumente als auch aus der Publikumsperspektive. Bildfüllend fotografierte Hände haben es ihm besonders angetan, er erforscht gewissermaßen die physischen Berührungspunkte zwischen U2 und ihren Fans: hier die Saite, das Schlagzeug, dort die ausgestreckte Hand, die versucht, in diese Musik einzutauchen. Dieses Stilmittel gibt der Bostoner Publikation eine angenehm tragende Ruhe. Störend wirken dagegen verbissen kreative Abschnitte, wie etwa die Schwarzweiß-Sequenz während New York. U2 brauchen solche Effekte m.E. nicht, ihre Musik ist auch so schön genug.
Die Band selbst wirkt zu Beginn etwas steif, was sich mit der Zeit aber gibt. Zum einen liegt es wohl an der Grippe, von der sich Bono damals, im Juni 2001, noch nicht ganz kuriert hatte. Das macht sich in einigen stimmlichen Aussetzern bemerkbar. Als eingefleischter U2-Fan schätze ich es auch, wenn Bono mit gebrochener Stimme singt: das gibt dieser Musik, in der es so sehr um Selbstauf- und -hingabe geht, eine unerreichte Authentizität. Wenn ihm bei With Or Without You (siehe weiter unten) die Stimme versagt stellen sich mir die Nackenhaare auf! Er legt sich für seine Fans ins Zeug, lässt es nicht ein Stück langsamer angehen, legt sogar Extrarunden übers Elevation-Herz ein. Aber wenn man dann sieht, wie er zwischen den Songs keucht und schwitzt, beginnt man sich als treuer Fan um seine Gesundheit zu sorgen.
Wie angedeutet ist das Publikum im Bostoner Fleet Center nicht so ausgelassen wie jenes in Irland. Es hat seine Momente, v.a. am Übergang zu und während Where The Streets Have no Name, aber sonst bleibt die Menge, zumindest akustisch, im Hintergrund. Auch die verhalten tanzenden Figuren auf den Rängen geben nicht gerade ihr Letztes. Sollte das für einen Fan nicht Ehrensache sein? Meine Meinung: wessen Arme nachher nicht taub sind, wessen Handflächen nicht wund und wessen Stimme nicht weg, der war nicht dabei.
Regisseur Hamilton zeigt jeden der vier Iren gern bei der Arbeit. Charakteristisch sind die Großaufnahmen, wenn The Edge mal wieder virtuos die Saiten zupft oder Larry gefühlvoll die Percussion anschlägt. Er schafft damit eine sehr persönliche Note und lässt erahnen, was für begabte Künstler hier am Werk sind.
Das Konzert wird beherrscht von einer ehrfurchtgebietenden Performance von "Bad". Das ist schon mehr als nur Musik, das ist eine, wie man so schön sagt, halbszenische Aufführung. Mitreißend ist jene Einstellung, wie Bono sich von den Fans fast von der Bühne ziehen lässt und sich, ganz der personifizierte Trennungsschmerz, wieder losreißt, dazu eine weiße Rose, die ins Bild ragt, das ist wirklich ganz groß. Der Übergang von "Bad" zu "Where The Streets Have No Name" mittels "40"-Snippet ist mit eine der genialsten Sequenzen von U2 die es m.E. überhaupt gibt. Wenn 50.000 wie mit einer Stimme How long must we sing this song? How long? How long? singen, der Chor die Dunkelheit erfüllt und sich langsam mit den ersten Takten von Streets vermischt, dann ist Gänsehaut garantiert, auch nach dem xten Mal anhören. Überhaupt ist die Version von "Streets" irrwitzig, noch besser als in Slane. Das gleißende Lichterspiel, der Kameraflug über die Köpfe des tobenden Publikums zur Großaufnahme Bonos am Scheitel des Elevation-Hearts ist toll. Dazu Larry, der am Schlagzeug schon fast im Sessel liegt und sich mit gefletschten Zähnen das Letze abfordert. Es folgen denkwürdige Versionen von Bullet The Blue Sky und The Fly. Ein weiteres Highlight stellt "With or Without You" dar. Auch hier legt sich der Frontman ins Zeug, indem er eine junge Frau aus dem Publikum zu sich auf den Laufsteg holt, sie umarmt und liegenderweise den Song performt. Die Magie dieser Szene ist mit Worten nicht zu beschreiben. Sie verleiht dem Titel, der an sich schon in seiner bittersüßen Mischung des Hin- und Hergerissen-Seins eines der besten U2-Stücke ist, noch einmal eine andere Dimension. Wie hier der Schmerz einfach herausgeschrien wird, während die Musik alles einlullt und die Auserwählte lautlos vor Glück zu weinen beginnt - solche Momente sind ein guter Grund U2 Fan zu sein oder es zu werden.