In diesem Buch widmet sich der Autor der Geschichte des Berliner U-Bahnbaus von den Anfängen bis heute. Linie für Linie legt er dar, welche Überlegungen bei der Planung eine Rolle gespielt haben, wie die Umsetzung ablief und welche Spuren heute noch an längst vergangene U-Bahnzeiten erinnern. Der Schwerpunkt liegt dabei mehr auf der Architektur und Gestaltung der einzelnen Bahnhöfe und weniger auf technischen Aspekten.
Bereits auf den ersten Seiten wird klar: hier schreibt ein U-Bahn-Fan mit Leib und Seele. Akribisch wird die Ausgestaltung jeder U-Bahn-Station bis hin zu den Kacheln und den Handläufen der Treppen unter die Lupe genommen. Jan Gympel nimmt kein Blatt vor den Mund und spart nicht mit Kritik an den Umbaumaßnahmen der Neuzeit, an denen er kaum ein gutes Haar läßt. Das liest sich stellenweise ganz amüsant. Manchmal entsteht der Eindruck, dass der Autor das Massenverkehrsmittel U-Bahn lieber als eine Art Verkehrsmuseum sieht, etwa wenn er allen Ernstes beklagt, dass die jahrzehntealten Zugzielanzeiger rücksichtslos durch moderne Displays ersetzt wurden. Wenn er sich dann noch zum fünfzigsten Mal über die Farbe der Fliesen oder die Form der Deckenleuchten in irgendeiner U-Bahn-Station echauffiert, beginnt dies auch den geduldigsten Leser zu nerven.
Hinzu kommt, dass sich seine Tiraden lesen wie empörte Leserbriefe eines besserwisserischen Oberlehrers - stilitsische Mängel inklusive: Wenn er besonders originell sein will, verheddert er sich im allzu gestelzten Satzbau. Und eifrig frönt er dem "Ultra-Perfekt" - andauernd hat jemand etwas "gebaut gehabt" oder ist etwas "geplant gewesen". So kann man vielleicht in einer Berliner Eckkneipe reden, in der Schriftsprache sollte man sich auf Zeitformen beschränken, die es wirklich gibt.
Wer darüber hinweg sieht, kann eine Menge über die Geschichte der U-Bahn lernen. Leser, die Berlin nicht wie ihre Westentasche kennen, sollten aber einen Stadtplan neben sich liegen haben, damit sie mit den vielen Straßennamen und Ortsangaben etwas anfangen können. Denn obwohl das Buch bei aller Textlastigkeit über zahlreiche (historische) Netzspinnen, Streckenskizzen und Fotos verfügt (alles schwarzweiß), wären ein paar zusätzliche Orientierungshilfen wünschenswert.
Fazit: Dieses Buch sollte man nicht "am Stück" lesen - dazu ist es zu ermüdend und stilistisch zu schlecht geschrieben. Prima geeignet ist es aber als Begleiter auf der Reise durch die Berliner Unterwelt - auch alte U-Bahn-Hasen werden vieles mit anderen Augen sehen!