Ob sie nun bei Katharina, einer gesundheitlich angeschlagenen Dorfdirne, oder bei sie ausbeutenden und verprügelnden Bauern Aufnahme findet, Tzili erklärt immer wieder dasselbe, und zwar, sie sei die Tochter Marias (was selbstredend nicht stimmt). Zwischendurch irrt sie im Wald umher und geht an Bächen entlang. Auf eine Jahreszeit folgt die andere. In einem Sommer trifft sie auf Mark. Mark hat es geschafft, aus einem Lager zu fliehen. Er ist ein gequälter Geist, aber in Tzilis Gegenwart kommt er einigermaßen zur Ruhe. Nach einigen Monaten hält er es jedoch nicht mehr aus, beruft sich darauf, der Mensch sei kein Wurm und geht statt Tzili im Tal Versorgung holen. Da Mark verschollen bleibt, hat Tzili bald keinen anderen Ausweg, als sich erneut in den Dienst von Bauern zu stellen, die sie - das altbekannte Lied - rücksichtslos ausnutzen und schonungslos durchprügeln. Schließlich muß sie, die von Mark schwanger ist, wieder zurück in den Wald. Als dann alles vorbei ist, schließt sich Tzili, die nicht so recht weiß wohin, einigen Überlebenden an, die, zwischen Gleichgültigkeit und Verzweiflung schwankend, zwischen Erstarrung und Ausgelassenheit hin- und hergerissen, nach Süden ziehen. Tzili wandert einfach mit. Aber das Fötus, das sie in sich trägt, überlebt es nicht und stirbt kurz vor der Geburt in ihrem Leib. Unter notdürftigen Bedingungen kommt Tzili in einem Feldkrankenhaus unter und mit dem Leben davon. Es folgt das Gerenne zum Meer. Das Warten. Das Widersehen mit Linda. Und das Zusammenpferchen in einem Schiff, das auf Palästina Kurs nimmt. Die Geschichte ist ebenso scharf wie verschwommen, ebenso einfach wie tiefschürfend. Es ist von Tzili Kraus die Rede. Im Gegensatz zu ihren zahlreichen Geschwistern legt Tzili keinerlei intellektuelle Begabung an den Tag. Das Dorf in Mitteleuropa, wo die Familie wohnt, wird bis 1942 von antisemitischen Ausschreitungen verschont. Wird also spät, dafür aber gründlich heimgesucht. Innerhalb von nur wenigen Augenblicken wird die dreizehnjährige Tzili von ihren flüchtenden Angehörigen getrennt, die sie nimmermehr wiedersehen wird. Im sich anschließenden Gemetzel wird sie wie durch ein Wunder übersehen, und von nun an leitet sie ein erstaunlicher Überlebensinstinkt, der ihr z.B. eingibt, sich als eine Tochter Marias auszugeben, einer in der ganzen Umgebung bekannten, leichtlebigen Frau. Außer, daß diese erfundene Identität glaubwürdig wirkt, hat sie den Vorteil, von ihrer wirklichen, jüdischen Identität abzulenken. Der Groll so mancher Bäuerin gegen ihre angebliche Mutter bringt ihr zwar jede Menge sühnend gemeinte Züchtigungen ein, was aber ist das schon gegen die Errettung des blanken Lebens? In dieser Erzählung weist die Prosa Aharon Appelfelds einige bemerkenswerte Eigenschaften auf: Trotz der Knappheit der Mittel, mit denen er umgeht - nur einige Zeit- und Ortsangaben werden hie und da leichthin eingestreut, es wird bloß in straffen Zügen geschildert, und die Umrisse der Mörder bleiben schemenhaft -, ist es so gut wie unmöglich, sich der Suggestivkraft der Erzählung zu entziehen. Zum anderen ist nicht nur Tzili, sondern auch etlichen anderen Gestalten eine unleugbare, innere Größe eigen. Diese innere Größe wirkt um so ergreifender und echter, als jeglicher Idealisierungs- oder gar Verklärungsversuch ausbleibt. Manche Gestalten, darunter auch Tzili, werden im Gegenteil samt ihren Schwächen und Mängeln dargestellt, mitunter in einem sogar sehr kruden Licht. Offenbar versucht der Autor nicht zu mogeln. Nichtsdestotrotz geht von seinen Gestalten, sei es individuell oder gruppenweise, anerkennungs-, wenn nicht gar bewunderungswürdiger, großzügiger Edelmut aus. Ebenso bemerkenswert ist die Hoffnungsbotschaft, die aus dieser Erzählung mit denkbar unerquicklichem Thema hervorgeht, können doch die Hauptgestalten nicht davon lassen, auch unter widrigsten Bedingungen nach einem Leben in Würde zu streben. Wer versucht, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, der stößt bald auf die autobiographische Dimension der Erzählung. Tzili, wenn es sich auch um eine weibliche Gestalt handelt, scheint nämlich Aharon Appelfeld sehr nahezustehen, der 1932 in der Bukowina geboren wurde, die Shoah überlebte und 1946 nach Palästina gelangte. Stefan Siebers' Übersetzung läßt das fein ziselierte Hebräisch erahnen, in dem das Original geschrieben ist. Jenes Hebräisch, das Aharon Appelfeld gegen die deutsche Muttersprache austauschen mußte. Und in dem sich denkwürdigerweise die reiche jüdisch-deutsche Literatur der Bukowina fortschreibt, die bereits in Paul Celans „Mohn und Gedächtnis" gezeigt hatte, sie würde wohl so bald nicht verlöschen.