Wer verändern will, der gebraucht manchmal anstoßende Begriffe und Formulierungen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Beim neuesten Buch des Kinderpsychiaters Michael Winterhoff gelingt ihm wieder mit seiner klaren Art, auch unbequeme Thesen und Analysen aufzustellen. Ob als Eltern, Pädagoge/-in oder Therapeut/-in und hoffentlich auch als Politiker/-in wird man hier wachgerüttelt und auf eine unglückliche Entwicklung der Kinder bzw. in ihrer Erziehung aufmerksam gemacht.
Nach einem kurzen Überblick über die Entdeckung der Kindheit" beschreibt der Autor vier Konzepte, nach denen in unserer Gesellschaft Kinder gesehen werden:
1. Kind als Kind"
2. Kind als Partner"
3. Ich will vom Kind geliebt werden"
4. Das Kind ist Teil meiner selbst"
In einer Mischung aus entwicklungspsychologischen, kinderpsychiatrischen und pädagogischen Erkenntnissen macht Winterhoff deutlich, wie selten Kinder tatsächlich als Kinder gesehen werden.
Ob Zuhause, im Kindergarten oder im Schulbereich (das sind die Erlebensbereiche, aus denen Winterhoff seine vielen, situativ beschreibenden Beispiele herausnimmt): der Alltag vieler Kinder ist davon geprägt, dass sie nicht klaren Erwachsenen gegenüber stehen, sondern auf Menschen treffen, die eine Partnerschaft mit den Kindern leben wollen - unabhängig der jeweiligen Entwicklungsstufe". Aus dieser gestörten Beziehung erwachse eine gestörte Kommunikation zwischen Lehrern/-innen und Schülern/-innen bzw. Eltern, zwischen (Groß-) Eltern und Kindern sowie auf der Paarebene. Aber ebenso sei in Kindergärten und in der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe oftmals ein fatales Verständnis von Partnerschaft mit dem Kind zu sehen, welches vielfach die Verantwortung (der Erwachsenen) den Kindern überlasse. Was als Selbstbestimmung der Kinder daherkomme, sei oftmals eher ein überforderndes sich selbst überlassen.
Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen geht Michael Winterhoff noch auf die Auswirkungen der Tempobeschleunigung auf das Zusammenleben und die Psyche" ein und gibt richtungsweisende Auswege vor, wie mit Beziehung und Struktur eine neue Balance im Generationenverhältnis hergestellt werden kann und welche Erfordernisse auf privater, öffentlicher und politischer Ebene notwendig sind.
Wer hier einen Erziehungsratgeber schlechthin mit vielen Details vermutet, wird überrascht sein; denn es geht dem engagierten Autor vor allem um eine Veränderung in der Haltung gegenüber Kindern, ohne wieder in das Zeitalter autoritärer Extreme zu verfallen. Diese Haltungsänderung würde den Kindern wieder mehr Halt geben.
Leider fehlen in dem Buch sowohl Stichwortverzeichnis als auch ein zusammenfassendes Literatur- bzw. Quellenverzeichnis. Ansonsten aber wird die unbequeme und doch gut lesbare Lektüre Einspruch und Widerspruch hervorrufen und so mancher Ausspruch wird Anstoß erwecken.
Wenn dies geschieht und die nach dem Lesen des ganzen Buches ohne Polemik geführte Diskussion sich bis in die Elternhäuser und pädagogischen Institutionen ausweitet, dann ist den Kindern und den ihnen verantwortlichen Personen wirklich geholfen!