Die Sterneköchin Anna Sgroi bekennt sich in der Einleitung zum Purismus, weil sie dies die raffinierteste Form von Luxus findet. Aber wie uns der Fremdwörterduden lehrt, wird unter diesem Begriff das Streben nach Reinheit verstanden, was oft alles andere als einfach ist. Es kann also durchaus sehr lange dauern, bis ein Bewunderer von Anna Sgroi eines ihrer Rezepte so nachgekocht hat, dass sie es für gut befinden würde. Und er müsste wohl auch ihren Perfektionismus übernehmen, was meinem Naturell dummerweise widerspricht. Denn obwohl - oder gerade weil ich vorwiegend italienisch koche, zähle ich nicht 16 Pfefferkörner oder Pinienkerne ab, lege keine einzelne Tomate, fünf Gramm Zucker oder 16 Wald-Blaubeeren auf die Waage, mache mit Safranfäden keine Fünfergrüppchen und schneide Stangensellerie auch nicht auf vorgegebene Millimetergrössen. Kurz: Wer so kochen will wie Anna Sgroi, muss auch ihren Stil übernehmen. Und das ist bestimmt nicht einfach.
"Wer sich mit ihren Rezepten beschäftigt, lernt eine neue Art zu kochen kennen", heißt es in der Einleitung. Und ein Kritiker schrieb, einer erlesenen Zutat könne nichts Besseres passieren, als in der Küche von Anna Sgroi zu landen. Nach der Lektüre der vielen Rezepte muss ich den Zutaten leider mitteilen, dass sie es in meiner Küche kaum so gut haben werden. Denn ich lasse ich mich zwar gerne inspirieren, werde aber meinen Kochstil nicht völlig umkrempeln. Das hat zur Folge, dass ich nicht sagen kann, ob die Rezepte tatsächlich so gut sind, wie sie auf den wunderschönen Farbbildern aussehen. Aber ich kann Veränderungswilligere als mich wenigstens neugierig machen.
Anna Sgroi beginnt mit Vorspeisen und Salaten. Darunter sind verschiedene Carpacci, gefüllte Calamaretti, Artischocken aus dem Ofen, Entenbrust- und Kaninchensalat, marinierte Alici mit Feldsalat oder Tatar von wilden Garnelen und sizilianisches Couscous-Gemüse in der Zucchiniblüte. Ab Seite 64 stehen Pasta und Ravioli im Zentrum von Anna Sgrois Kochkunst. Dabei versteht sich von selbst, dass Fertigteigwaren meist tabu sind. Risotti von einem anderen Stern oder weitgehend unbekannten Osterie werden dann auf 13 Seiten zelebriert. Und für die Fischküche sind gut zwanzig Seiten reserviert. Etwas erstaunt war ich, dass es nach den Abteilungen Fisch, Fleisch und Pizza nicht mehr weitergeht. Schluss. Rezepte für Desserts sind also keine in diesem Buch.
Mein Fazit: Die italienische Spitzenküche kenne ich zwar ebenfalls, konnte mich aber nie dazu durchringen, sie in den eigenen vier Wänden zu versuchen. Wer einige der inzwischen berühmt gewordenen Rezepte von Anna Sgroi nachkochen will, findet in ihrem Buch die entsprechenden Anleitungen und Einkaufslisten. Gelingen wird ihm das allerdings nur, wenn er den Perfektionismus der Sterneköchin übernimmt und ihren verständlichen Anweisungen genau folgt. Bei Nichtbeachtung sind wohl auch meine fünf Sterne in Gefahr.