'Tynset' ist ein Ort im Niergendwo irgendwo im Norden. Ein Ort der Sehnsucht, den der Erzähler zuletzt doch nicht aufsuchen wird. Tynset, das klingt nach Glocke aus Blech, nach Totenglöcklein. Und dieser Ton ist die musikalische Note, die als Cantus Firmus durch das gesamte Werk läuft: Tod und Schuld. Dramatischer Höhepunkt dieser Todesfuge ist eine Fiktion des Erzählers, zusammengesponnen auf einem ererbten Bett, erzählt in der ineinandergewebten Art einer Fuge: Im frühen Sommer des Jahres 1522, so phantasiert der Erzähler, treffen in einer Herberge in der Grafschaft Cheshire Reisende ein, von denen einer den Tod in Form der schwarzen Pest in sich trägt. Während sich die nackten Leiber im dunklen Bett schamlos aneinanderdrängen in der Erwartung erregender Abenteuer, springt der Tod auf alle über, und von dort übers Land.
Der Erzähler ist ein Schlafloser. Nachts irrt er durch sein Haus und durchmisst dabei den ganzen Hildesheimerschen Kosmos: Hamlets Vater ist dem Nachtwandelnden ein treuer Gefährte, Mozart wird, wenn nötig, zitiert. Ausflüge ins Gotische finden sich in der Form einer alptraumhaften Sequenz einer nächtlichen Abschiedsfeier. Ausflüge in die trübere Realität der jungen deutschen Republik finden auf schlechten Nebenstrassen statt. Und die Grundschuld dieses jungen Deutschlands wird in der humorvollen Sequenz entlarvt, als der Erzähler nächtens Wildfremde anruft und sie zur Flucht mahnt, bevor es zu spät sei - und nicht nur einer der so gewarnten verreist noch in derselben Nacht für immer.
'Tynset' ist ein intellektualistisches Spiel auf den Tasten von Schuld, Tod und Lebensschmerz. Der Ton des Buchs ist düster, auch wenn wenige heitere Momente, vor allem aber die schiere Lust am Spiel mit Form und Wort, Oberhand gewinnen. 'Tynset' wird mit Fug und Recht (auch vom Autor selbst) als das muskalischste seiner Werke bezeichnet. Auch wenn das geschriebene Wort weit weg ist vom komponierten Ton - am besten liest man dieses komplexe Werk, in dem zahlreiche Gedankenstränge wie Musiklinien ineinander verwoben werden, wie man ein Stück Musik hört: Mit unbedingter Aufmerksamkeit und dem Bewusstsein, dass nicht alles Bedeutung ist, was Klang hat.