Lange habe ich auf diesen Film gewartet und ihn, ehrlich gesagt, sehr, sehr wehmütig betrachtet, denn dies wird wohl unwiderruflich der letzte Film sein, in dem Joaquin Phoenix als Schauspieler zu sehen ist. Kürzlich ist er ja leider ganz aus dem Filmgeschäft ausgestiegen. Es gibt wenige Schauspieler, die mich in den letzten Jahren so sehr mit ihren Rollen fasziniert haben, wie er mit den seinen, und es gelang ihm auch in seine letzten Rolle, mich erneut stark zu berühren. Was ihn ausmacht ist seine Sensibilität, seine ungaubliche Intensität und die Fähigkeit sich problematischen Männerfiguren zu stellen und sie mir vielem Facetten auszustatten, ohne dass es je aufgesetzt wirkt. James Gray, der sich offensichtlich an europäischen Filmemachern orientierende Regisseur von "Two Lovers", hat das Drehbuch und die Rolle ganz auf Phoenix zugeschnitten und hätte den Film ohne ihn erst gar nicht gemacht!
Joaquin Phoenix spielt, wie könnte es anders sein, abermals einen gebrochenen Charakter: Leonard, seit Monaten komplett aus der Bahn geworfen, lebt seit der Trennung mit seiner Verlobten, nach einem psychischem Zusammenbruch und mehreren Selbstmordversuchen wieder bei seinen nervig-lieben Eltern und trauert weiterhin über die Maßen um seine Verflossene. Isabella Rosselini spielt seine Mum!
Den Kuppelversuch der Eltern mit Sandra (Vinessa Shaw), einer an ihm interessierten jungen und hübschen Tochter einer befreundeten jüdischen Familie, nimmt er hin. Verabredet sich sogar erneut mit ihr. Leonard bleibt aber eine verlorene Seele im Alltagsdschungel in Brooklyn. Und er trifft dort auf eine Seelenverwandte, die ebenfalls verloren und liebesbedürftig-angekränkelt nach dem Weg sucht. Die sprunghafte Schöne steht plötzlich in seinem Treppenhaus: Seine neue Nachbarin, die exzentrische Michele (Gwyneth Paltrow ) und als wäre es ein bloßer Reflex verliebt er sich Hals über Kopf in die unglücklich an einen verheirateten Mann gebundene Michele. Sie erwidert seine Gefühle nur freundschaftlich, lässt ihn aber doch sehr nahe an sich heran. Leonard sucht das Kribbeln bei Michele und lässt trotzdem parallel das weitere Annähern an die Wunschkandidatin seiner Eltern, die brave Sandra, zu. Mehr noch er füllt diese Ersatz-Liebe gar mit Leidenschaft, mit Hoffnung auf Heirat und Kinder und Kram. Aber will er den Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach? Sandra oder Michele? Drei Mal dürft ihr raten... Wer sich gleich zwei Lover zulegt, muss sich über Verwirrungen nicht wundern. Aber was ist am Ende stärker, Bürgertum und Familienbande, oder der Ruf der Freiheit?
Wenn man dies so liest, klingt der Plot vielleicht nicht gerade wahnsinnig spannend, aber die Akteure haben genug Spröde und Überraschung als Reibungsfläche parat und die Regie lässt den dreien sehr viel Zeit und Raum und gestattet tiefe Blicke. Gerade Phoenix und Paltrow spielen mit soviel Herz und Seele, sie zeigen die ganzen Beschädigungen, die sie sich im Laufe des Lebens in eben Herz und Seele eingefangen haben, so wird ein echtes Drama aus dem Beziehungskistenrennen.
Sandra, das Mauerblümchen, quasi der Spatz in der Hand von Leonard, darf man nicht vergessen, sie wurde von Vinessa Shaw wirklich sehr lebendig und mit viel Ausstrahlung dargestellt.
Ich beobachtete fasziniert diese Pärchen-Szenarios, welche sich still und leise und immer auch sehr ernst abspielen und der Film hat mich ehrlich sehr aufgewühlt. Der Film hat Sogwirkung! Bei der Schlusseinstellung hatten sich mir sämtliche Härchen aufgestellt. Der Stoff der nach romantischer Komödie riecht, wird gänzlich entromantisiert und aus der Komödie wird schon fast eine Tragödie. Die Kamera arbeitet toll daran mit: Leonard bleibt stets im Schatten, seine Fröhlichkeit, seine Teilnahme am Leben wird, nicht nur durch Phoenix Schauspiel, als aufgesetzt sichtbar: Leonard bleibt immer außerhalb des Lichts, man könnte fast vergessen, dass er in einer Großstadt (New York) lebt, immer eine dunkle einsame Straße und das quirlige Leben und das Licht ziehen buchstäblich an ihm vorbei. Es dominieren die Schatten. Schnelle Schnitte gibt es nicht. Man achte auch darauf, in welchen Situationen Leonard die Kamera im Rücken hat. Einfach fein gefilmt, in Sekundenbruchteilen wird etwas erklärt, ohne dass ein Wort fällt. Ich liebe das! Und die vielen Kleinigkeiten (z. B. Fotowand, Jugendzimmer)! Auch die Musik unterstützt dezent die Kontraste.
Kleiner Spoiler gefällig? Das ziemlich unvorhersehbare Ende..... Ist es happy? Irgendwie schon, wenn auch mit bitterer Note im Abgang.
Fazit:
Schwache Menschen - gefühlstark in Szene gesetzt.
Also (k)ein Liebesfilm... er entzieht sich total den Erzählmustern des Liebesfilms, er meidet die Klischees nicht unbedingt, aber er enttarnt sie.
Trotzdem ein Film über die Liebe, ihre Enttäuschungen, Sehnsüchte, Projektionen und Lügen. Ein ungewöhnlicher Beziehungsreigen, wo die Figuren tragisch und manchmal seltsam komisch aneinander vorbeilieben. Er bietet einen entlarvenden Blick auf Beziehungen, ein ehrlicher, aber auch ein sanfter, keiner der restlos ernüchtern will.
Ein wahrlich sonderbarer Film, aber einer der seine allesamt irgendwie schrägen Antiheldenfiguren wirklich immer sehr ernst nimmt, sie niemals verheizt für einen billigen Witz, sie nie demütigend bloßstellt, oder mahnend den Zeigefinger schwenkt. Nein. Und ein für mich, durch Phoenix jähes Ausscheiden als Filmschauspieler, ein natürlich umso kostbarerer Film! *doppel schnief*
Filmkenner dürfen netterweise kleine ausgestreute Huldigungen an alte Filmklassiker entdecken.
James Gray werde ich mir jedenfalls merken!
Two Lovers 2008
Regie - James Gray
Joaquin Phoenix - Leonard
Gwyneth Paltrow- Michelle
Vinessa Shaw - Sandra
Isabella Rossellini - Leonards Mutter
Moni Moshonov - Vater
Zur popligen DVD:
+Es gibt den Film mit deutschem oder englischem Ton, je in DD5.1.
+NUR deutsche Untertitel, leider KEINE englischen!
+KEIN Bonus, außer paar geschnittenen Szenen.
+Dafür gibt es wenigstens einen AUDIOKOMMENTAR vom Regisseur, der, soweit ich ich ihn verfolgte, wirklich sehr aufschlussreich ist.
+Filmtipps.