Twin Peaks - das sind 29 Folgen Metafernsehen von David Lynch und Mark Frost mit unzähligen ironischen Querverweisen in die amerikanische TV-Geschichte rund um die wohl bekannteste TV-Leiche aller Zeiten, Laura Palmer, deren Ermordung im Spiel mit den Konventionen und Klischees in weit verzweigten Handlungssträngen und einem nahezu undurchsichtigen Beziehungsgeflecht an Personen zum Gegenstand der Ermittlungen von Special Agent Cooper gemacht wird. An einem mysteriösen Ort, wo die Welt der heilen Familie in ihre Widersprüche zerfällt, die Grenzen zwischen der Normalität und dem Bösen sich auflösen und das Grauen gerade dadurch entsteht, dass die Maske des Trugs nicht abgenommen werden kann und niemand auch wirklich derjenige ist, den er vorzugeben scheint.
Angelo Badalamentis Instrumentalstücke funktionieren nach einem ähnlichen Muster wie Lynchs Bilder in seinen Filmen. In einem immanent tiefen Fluss entwickelt die Musik eine unheimliche Sogkraft und kanalisiert Urzustände wie Angst, Einsamkeit und innere Zerrissenheit, aber auch Hoffnung und Sehnsucht in sich. Das LAURA PALMER THEME beginnt mit einer ambienten Synthesizer-Kulisse, die träge vor sich hin driftet und mit einer extrem bedrohlichen Zwei-Ton-Introduktion unterlegt ist, die wie ein kosmisches Rauschen klingt, ehe dann eine sanft anschwellende Pianomelodie hoffnungsvoll Licht ins Dunkel bringt und eine verborgene Schönheit unter der düsteren Oberfläche erahnen lässt, um dann doch wieder auf dem Höhepunkt abzufallen und sich unter den verhängnisvollen Mantel des Ungewissen zurückzuziehen. Solche ästhetischen Kontraste im Klang besiegeln in Auf- und Abstürzen die unheilvolle Allianz zwischen isolierter Anmut und dem übermächtigen Grauen. So auch beim LOVE THEME, das im Wesentlichen dem Laura Palmer Theme entspricht, nur dass es mit natürlicher Instrumentation (Piano, Klarinette, Flöte) gespielt wird. Lynch setzt es in der Serie ein, als die Leiche von Laura Palmer aus dem Deep River gezogen wird. Diese stimmungsvolle Klangarchitektur ist auch auf dem TWIN PEAKS THEME zu finden, das aus E-Piano, synthetischen Streichern und einem überdeutlich nach vorn gemischten E-Bass besteht, der in gebrochenen Akkorden auf die Ermittlungen in der Halbwelt des Roadhouse verweist.
Drei Titel auf diesem Soundtrack werden von Julee Cruise gesungen, wobei das wohl bekannteste Stück FALLING das gesungene Äquivalent zum Twin Peaks Theme ist. Julee Cruise reflektiert im Gesang ein wenig die ambivalenten Züge der weiblichen Hauptfiguren in der Serie: Einerseits wirkt die von sakraler Schönheit geprägte Stimme sehr erotisch und verführerisch. Andererseits vertreibt sie mit einer bewusst künstlich aufgebauten Sterilität und Kälte alles Menschliche aus Badalamentis akustischem Ambiente und entfremdet sich so von der bedrohlichen Außenwelt. Auf NIGHTINGALE und INTO THE NIGHT singt sie wie eine gefühllose Emanation, die in Form eines gefallenen Engels in ihrer ohnmächtigen Erstarrtheit zu keinem spontanen Gestus und zu keinem persönlichen Timbre fähig ist. Julee Cruise vermag es sehr schön das Authentische aus ihrem Gesang zu verbannen, was den doppelbödigen Charakter vieler Serienfiguren sehr gut trifft.
Ergänzt wird dieser Soundtrack von Titeln, die fast schon karikierend die Ermittlungstätigkeiten von Sheriff und FBI beschreiben. Die wahnwitzigen Windungen der Autoritäten werden in Lynch-Werken und so auch in Twin Peaks zumeist ins Lächerliche gezogen. Auf FRESHLY SQUEEZED wird eine federleicht swingende Vibraphon-Melodie von viel Becken und wuselnden Besen begleitet, welche die schleichenden Schritte der skurrilen Ermittler und deren investigativen Aktivitäten nachahmen. Ein mysteriöses Jazz-Schlagzeug gesellt sich auf DANCE OF THE DREAM MAN in dieses Klangbild. Dieses Stück wird gespielt, wenn sich Special Agent Cooper in seinen Träumen auf "die andere Seite" in den roten Raum begibt, wo er auf eine Inkarnation von Laura Palmer und einen kleinen Mann trifft, der auf bizarre Weise zu tanzen beginnt. Ein stöhnendes Tenorsaxophon mahnt die Gefahr für den geheimen Bund der BOOKHOUSE BOYS an, ehe dann wiederum Besen und Becken mit viel Verve in dissonanteren Tönen im Unerforschten loswühlen, bis sie in die Tiefen der Unterwelt abgleiten und erneut auf das bedrohliche Brummen aus dem Laura Palmer Theme treffen. AUDREY'S DANCE ist eine laszive Hommage an die verführerischste Femme Fatale der Serie, Audrey Horne, die insbesondere ihrem umtriebigen Vater mit präzise gesetzten Gemeinheiten das Leben zur Hölle macht. Eine beklemmende Geräuschkulisse hält dann das finstere NIGHT LIFE IN TWIN PEAKS bereit. Aber auch dieses Stück wirkt nicht ausschließlich zerstörerisch, sondern signalisiert auch einen Schimmer an Hoffnung, indem die Töne dazu tendieren Musik zu werden.
Viele Aspekte, die in diversen Lynch-Werken einmal auftauchen, trifft man an anderer Stelle wieder. Die Geschehnisse um Dorothy Vallens beispielsweise in Blue Velvet trugen sich in einer Wohnung der "Deep River Appartments" zu. Deep River heißt auch der Fluss aus dem die Leiche von Laura Palmer in Twin Peaks geborgen wird. Und aus dem kleinen Städtchen Deep River in Ontario kommt dann auch Betty in Mulholland Drive. Solche Wiederholungen von Leitmotiven wurden von Lynch stets auch beim Einsatz der Musik angewandt. So wurde das Laura Palmer Theme unmittelbar aus der Schlusswendung zu Blue Velvet abgeleitet und taucht am Anfang zu Mulholland Drive in erneut leicht abgewandelter Form wieder auf.
Insgesamt ist das ein sehr atmosphärischer Soundtrack von Angelo Badalamenti, der durch seine markanten Motive den Kult um die Serie zusätzlich verstärkt hat. Im Booklet sind auch noch einmal alle Protagonisten abgebildet, inklusive Diane.