Zur Serie:
Nur selten gehen Fernsehsender Risiken ein, vor allem wenn ein exzentrischer Filmemacher namens David Lynch ('Eraserhead', 'Blue Velvet') und ein vergleichsweise wenig bekannter, allerdings serienerprobter Mann namens Mark Frost ('Polizeirevier Hill Street' oder 'Hill Street Blues') ein gemeinsam entwickeltes Drehbuch zu einem Pilotfilm vorlegen. Der US-Sender 'ABC' aber hatte Mut und ist ein Risiko eingegangen: Eine scheinbar verschlafene Kleinstadt, der Mord an einer beliebten Schülerin, ein ermittelnder FBI-Agent - das sind zunächst ganz grob die Hauptmotive beim Start des bis dato wohl ungewöhnlichsten TV-Spektakels in der Geschichte des Fernsehens, im Verlaufe dessen (die Serie umfasst insgesamt 30 Teile - die Pilotfilme mitgerechnet) selbst die kühnsten Sehgewohnheiten aus den Angeln gehoben werden. Denn hat der Pilotfilm noch die Konturen eines Kriminalfilms, der in der Vergangenheit immer ganz bestimmten Gesetzen zu gehorchen hatte, kann man spätestens am Ende des dritten Teils auf gar keinen Fall mehr voraussagen, wohin das Ganze führt. Im Gegenteil, man ist eigentlich total verwirrt, was der Faszination allerdings keinen Abbruch tut. Und das bis zum Schluss, der einen ziemlich ratlos und erschüttert zurücklässt.
Die Serie gliedert sich in zwei Blöcke, die zunächst bis Teil 17 die Ermittlungen nach dem Mord an der Schülerin bis hin zur Auflösung und anschließend bis zum Ende die Suche nach einem soziopathisch veranlagten FBI-Agenten behandeln. Allerdings erübrigt sich eine klar strukturierte Inhaltsangabe, da die Vielzahl an Parallelhandlungen, die ironischen Brüche, die philosophischen Abschweifungen und die surrealen Elemente im Grunde den Schluss nahe legen, dass den Schöpfern von 'Twin Peaks' die zentrale Geschichte gar nicht so wichtig war. 'Twin Peaks' vereinigt Krimi, Seifenoper, Horrorfilm und Satire. Auch wenn es Lynch zusammen mit Frost sowie zahlreichen handverlesenen Regisseuren zu verdanken ist, dass bis zum Schluss ein für TV-Verhältnisse hohes Niveau gehalten werden kann, darf man niemals vergessen, dass ohne die zahlreichen Film-und Darsteller - Anspielungen, die bis in die kleinsten Nebenrollen erstklassig besetzten Akteure und die faszinierende, oftmals hypnotische Wirkung von Angelo Badalamentis Filmmusik niemals ein Ergebnis wie dieses erzielt worden wäre. Ein homogenes Ganzes - unerreicht.
Ein Polizist, der beim Betrachten einer Leiche weint; ein FBI-Agent, der seine Ermittlungen auf eine Stufe mit dem Konsumieren von Kaffee und Doughnuts stellt; ein tanzender Zwerg in einem Raum mit roten Vorhängen; ein heruntergefallener Elchkopf, der auf dem Tisch des Verhörraumes liegt; derselbe FBI-Agent, dessen Diktaphon einer Vertrauten - genannt 'Diane' - gleichkommt und ein Jugendtreff, wo sich knallharte Typen ganz in Leder treffen, um einer Band zu lauschen, deren Musik so zart und deren Vorsängerin so zerbrechlich erscheint wie eine hauchdünne Oblate - das sind nur einige wenige Momente, die in einer derartigen Art und Weise noch nie zu sehen waren und vermutlich auch niemals wieder zu sehen sein werden.
Dies ist die Kritik eines Bewunderers, und so mündet Kritik letztlich in Befangenheit. Wer sich vierundzwanzig Stunden Zeit nimmt, ist entweder enttäuscht oder schließt sich mir an.
Zur Box:
Nach der Veröffentlichung der ersten Staffel Ende 2002 vergingen nach angeblich rechtlichen Problemen über fünf Jahre, bis die zweite Staffel herauskam - in zwei Teilen und im Vergleich sehr lieblos gemacht; dazu noch die deutsche Tonspur zum Teil in katastrophalem Zustand.
Zunächst war ich wütend und enttäuscht. Ich habe das gesamte Material entweder zurückgegeben oder verkauft, da ich einfach nicht akzeptieren wollte, dass die aus meiner Sicht innovativste Serie der Welt mit Mängeln behaftet ist. Doch als diese Komplett-Edition herauskam, konnte ich nicht anders und musste sie mir kaufen.
Die Probleme bei der deutschen Tonspur sind unverändert -' gut, ein Stern Abzug und dann eben englisch mit deutschen Untertiteln. Das Bild exzellent, bezogen auf die erste Staffel aus 2002 sogar noch klarer und differenzierter. Auch gut, dass auf die nervigen 'Bisher in Twin Peaks'-Passagen zu Beginn jeder Folge verzichtet wurde.
Das Bonus-Material, was mir generell eigentlich nicht so wichtig ist, bietet meiner Meinung nach ein absolutes Highlight: Angelo Badalamenti erzählt am 'Fender Rhodes' etwas über das Zustandekommen der Filmmusik. Absolut wundervoll.
Das Fehlen des Spielfilm 'Fire walk with me' ist für mich deshalb nicht relevant, weil er sich, obwohl er gut ist, deutlich von der Serie unterscheidet -' nicht nur, weil eine großartige Darstellerin aus der Serie hier neu besetzt werden musste !