Das vierte Symphony X-Album „Twilight in Olympus“ wird oft unterbewertet. Dabei hat das 1998er Album eigentlich nur einen ‚Nachteil’: es hat als unmittelbaren Vorgänger das legendäre „The Divine Wings of Tragedy“. Jenes Mammutwerk von 1997 hat zwar auch für „Twilight...“ die musikalische Richtung vorgegeben; das macht das Album aber keineswegs weniger gelungen. Es vereint alle Stärken und Charakteristika der Band, ohne dass sie von sich selbst Ideen kopieren muss. Zu eigenständig und hochwertig ist das Material der 52:47 Minuten langen Scheibe, das wie gewohnt einen Mix aus straighten Metal-Songs (verhältnismäßig straight, dabei keinesfalls unkompliziert) und epischen Longtracks – hier das wundervolle THROUGH THE LOOKING GLASS - bietet. Schon der formidable Opener SMOKE AND MIRRORS strotzt als eingängiger Up Tempo-Brecher gleich mit etlichen musikalischen Vorlieben der Band, deren Kombination ihren unverwechselbaren Reiz ausmachen: Kraftvoller Speed Metal mit instrumentaler Perfektion gespickt mit atemberaubenden Läufen und allerhand technischer Kabinettstückchen, eine große Portion Einfluss aus Barock bei Cembalo-Stellen in den Keyboards und natürlich Romeos Kniefall vor Bach in seinem Gitarrensolo, bevor er und Pinnella dann zu einem ersten überirdischen Instrumentalduell ausholen. Der Song bleibt geradlinig und eingängig, wie auch IN THE DRAGON’S DEN und THE RELIC – Songs, die eine Band wie Symphony X sich wohl innerhalb einer halben Stunde aus dem Ärmel schüttelt, und die trotzdem als technisch begnadete Up Tempo-Meisterstücke wahre Perlen sind, die keine andere Band derart überzeugend auf einem solchen Level abliefert – höchste Power unter absoluter Kontrolle mit akribischer Feinarbeit; und dazu solch ein melodisch ausschweifender Refrain wie in THE RELIC. Das etwas düsterere ORION – THE HUNTER ist mit atemberaubend tighten, groovenden Läufen in der Strophe und einem ausgedehnten Instrumentalpart zum Niederknien ein weiterer Beweis für die ausgesprochene Klasse der Band. Der Gesang von Alleskönner Russel Allen ist durchweg über alle Zweifel erhaben – der Mann klingt mal gefühlvoll und zerbrechlich, mal wie ein zorniges Ungeheuer. Und auch die präzise arrangierten Chorgesänge als Markenzeichen der Band kommen in CHURCH OF THE MACHINE in bestechender Form zum Vorschein. SONATA ist mit einer leicht abgewandelten Beethoven-Sonate und Romeos anschließendem, dazu improvisiertem Gitarrensolo eine weitere Huldigung an frühe Großmeister der Musik; und LADY OF THE SNOW eine einmalig anmutvolle Ballade zwischen melancholischer Zerbrechlichkeit und drängender Dramatik. Romeo spielt an mehreren Stellen des Songs Sitar, ein indisches Zupfinstrument, das für den orientalischen Touch sorgt. Höhepunkt des Albums ist natürlich der Longtrack THROUGH THE LOOKING GLASS, ein 13-minütiges „Alice In Wonderland“-Epos mit wunderschönen Entwicklungen in Rhythmik und Energie, die der erzählten Geschichte lautmalerisch Leben einhauchen. „Twilight in Olympus“ ist ein rundum gelungenen Spitzenalbum in einer ganzen Reihe von Symphony X-Meisterwerken – alle Songs haben ihr ganz unverwechselbares Flair und können zugleich ohne Probleme als ‚typisch Symphony X’ (noch) ahnungslosen Prog Metal-Fans zum Staunen über instrumentale Fertigkeiten, rhythmische Finessen und episches Songwriting in kurzen wie langen Stücken vorgelegt werden.