Der mittlerweile 71jährige Joel Schumacher ("Batman forever", "8 MM") kann es wohl einfach nicht lassen. Es treibt ihn zwar nicht mehr ganz so häufig wie seinen knapp zehn Jahre älteren Kollegen Clint Eastwood auf den Regiestuhl, aber dennoch kann er wohl die Finger immer noch nicht ganz vom Filme drehen lassen. Oder er hatte nach seinem überaus mittelmäßigen letzten Werk "Blood Creek" den Anspruch, es mit Twelve" diesmal besser zu machen. Nun, so krude wie "Blood Creek" ist "Twelve" beileibe nicht, dennoch ist auch dieser Film bestenfalls eine halbgare Mischung verschiedener Genrekomponenten, die sich nicht wirklich gut miteinander vertragen.
Der Drogendealer White Mike (Chase Crawford, "Gossip Girl") hat nach dem Krebstod seiner Mutter irgendwie den Halt verloren. Er hat die Schule geschmissen und vertickt seitdem Drogen an seine ehemaligen Mitschüler der New Yorker Upper Class. Mike trinkt nicht, raucht nicht und nimmt keine Drogen, ideale Voraussetzungen also, ein erfolgreicher Dealer zu sein, der immer einen klaren Kopf hat und den Überblick behält. Mit einer Mischung aus Verachtung, Neid und Gleichgültigkeit beobachtet er seine ehemaligen Klassenkameraden und ihr oberflächliches, geldgeiles und vorwiegend sinnloses Leben. Einzig zu seinem Cousin Charlie und seinem Freund Hunter pflegt er noch etwas intensiveren Kontakt, aber auch diese Freundschaft ist nicht mehr, was sie einmal war. Drogendealer Lionel (50 Cent) rät ihm, endlich auch harte Drogen zu verkaufen, besonders die neue Designerdroge "Twelve" sei schwer im Kommen. Doch Mike versucht, sich selbst als Dealer einen Rest von Ehre und Gewissen zu bewahren. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände jedoch gerät sein eh schon sehr fragiles Überlebensgerüst so mächtig ins Wanken, dass es Mike nicht mehr gelingt, seine vermeintlich coole und unberührbare Fassade aufrechtzuerhalten. Auf einer Party von Chris (Rory Culkin, "Lymelife") schließlich entlädt sich all der Frust, der unter der Oberfläche einiger der Upper-Class-Kids brodelt in einer gewalttätigen Explosion, die gnadenlos ihre Opfer fordert.
Die Mischung aus Teeniefilm, Krebsdrama, Coming-of-Age-Studie und Tragödie ist nur bedingt gelungen. Letztendlich wirkt der Film wie eine schmutzige Variante der Teenie-Serie "Gossip Girl", was allerdings nicht nur an Hauptdarsteller Chase Crawford liegt, der in Gossip Girl" eine tragende Rolle hatte. Die Thematik ist einfach der der Serie sehr ähnlich. Gemein sind Serie und Film die oberflächlichen, verdorbenen, vereinsamten und partygeilen Teenager, die sich letztendlich nur nach ein bisschen Liebe und Aufmerksamkeit sehnen. Nur geht Schumacher hier noch einen Schritt weiter und zeigt weit drastischer, wozu diese vernachlässigten Rich Kids fähig sind, wenn sie sich selbst nicht mehr zu helfen wissen oder die Drogen aus ihnen narzisstische, gewaltbereite Zeitbomben machen, die zwangsweise irgendwann explodieren müssen. Drogen, Sex, amoralisches, verdorbenes Verhalten sind die zentralen Themen, die Schumacher hier visualisiert. So ganz will Babyface White Mike da nicht ins Bild passen, man nimmt ihm den Drogendealer einfach nicht wirklich ab und sein über verfremdete Rückblenden visualisiertes Leid ist zwar künstlerisch einfallsreich umgesetzt, wirkt aber wie ein weiterer Fremdkörper in diesem Film.
Darüber hinaus verliert man irgendwann den Überblick, wer hier wer ist und warum an was leidet oder Drogen nimmt oder in welcher Beziehung die Kids zueinander stehen. Schumacher hat hier einen immens großen Cast an Teenagern aufgefahren, aus denen eigentlich nur diejenigen herausstechen, mit deren Namen man etwas verbindet. So spielt beispielsweise Lenny Kravitz' Tochter Zoë eine kleine Rolle, oder bereits erwähnter Rory Culkin, einer der Brüder von Macaulay. Auch Julia Roberts' Nichte Emma ist dabei, ebenso wie Rapper 50 Cent und Ellen Barkin. Sie alle haben aber relativ kleine Parts und zumindest die Jugendlichen spielen irgendwie alle gleich - verwöhnte, verzogene Kinder reicher Eltern eben.
Ein weiterer künstlerischer Kniff ist es, den 93minütigen Film mit einer Off-Stimme (gesprochen von Kiefer Sutherland) zu versehen, die mal nüchtern, mal pseudo-philosophisch ihren Senf zum Geschehen gibt bzw. den Zuschauer über die zahlreichen Verknüpfungen der einzelnen Teens unter- und miteinander aufklären soll. Ob einem so etwas gefällt, muss jeder für sich selbst entscheiden, wirklich notwendig gewesen wäre es nicht.
Die Teens, allen voran Chase Crawford, spielen ihre Rollen souverän, aber ziemlich glatt runter, viel Platz für Tiefgründigkeit oder Erklärungsversuche bleibt da kaum, dafür sind es einfach auch zu viele Protagonisten, die Schumacher hier auffährt. Der eigentlich stringente Storyverlauf wird immer mal wieder durch Traum- und Erinnerungssequenzen unterbrochen, die aber nicht wirklich viel zur besseren Verständlichkeit des Films beitragen können. Der vermeintlich künstlerische Stil, den Schumacher hier anwendet, wirkt deplatziert und ungelenk und schadet dem Erzählfluss mehr, als er ihm nützt. Angereichert mit vielen Bildern vom schönen, reichen New York und ein paar dunklen, schmutzigen Ecken der Stadt ergibt sich in "Twelve" ein zwar buntes, aber unstimmiges und verwirrendes Kaleidoskop jugendlicher Abgründe, die nur aus Überfluss, Oberflächlichkeit und Langeweile geboren zu sein scheinen. Somit fällt es dem Zuschauer schwer, so etwas wie Mitgefühl oder allzu großes Interesse für die Protagonisten aufzubringen.
Zur Ausstattung: Ton in deutsch und englisch in DD 5.1, Untertitel in deutsch, dazu ein Making-of, Behind the Scenes, Teaser, TV- und Kinotrailer sowie eine Trailershow mit fünf Trailern.
Somit ist "Twelve" sicherlich ein ambitioniertes Werk, welches hinter die Fassade der juvenilen New Yorker Upper Class blicken möchte, wirklich gelungen ist es allerdings nicht. Oft bleibt Schumacher genauso oberflächlich wie seine Charaktere und seine künstlerischen Tricks und Kniffe, dem Film mehr Tiefgang oder Bedeutung zu verleihen, schlagen größtenteils fehl. Für die Zielgruppe der 14-20jährigen vielleicht noch einen Blick wert, für alle anderen eine eher überflüssige Mischung aus Pseudo-Arthouse-Kino und Teenager-Charakterstudie. Somit gute zwei von fünf "Twelves", die einem gehörig die Sinne vernebeln.