Nachdem ich diesen wunderbaren "kleinen" Film schon vor 10 Jahren im Kino gesehen habe, kann ich das Wiedersehen auf DVD kaum erwarten. (Anmerkung: Daraus ergibt sich, dass sich meine Rezension auf den Film bezieht, nicht auf die DVD-Ausgabe, die ich noch nicht in Händen halte.)
Tuvalu ist vor allem eins: völlig anders als alle möglichen anderen Filme, die einem tagtäglich vor die Augen kommen.
1. ist er in Schwarzweiß gedreht, allein noch nicht so ungewöhnlich,
2. fällt aber auch im ganzen Film kaum ein verständliches Wort, allein die wiederkehrenden Geräusche, das Gegrunze des alten Mannes, das Wasserplätschern der Stammgäste des verfallenden Schwimbades machen den Sountrack aus. Wer da an Jacque Tatis Komödien denkt, liegt nicht ganz falsch.
Das ist natürlich gewöhnungsbedürftig, aber ein bisschen Horizonterweiterung lohnt sich, denn die einfache Liebesgeschichte mit ihren slapstick-haften Einlagen und ihrer aufgeladenen Atmosphäre wird Freunde von Fellini oder Tati garantiert in ihren Bann ziehen.
Chulpan Khamatova, die Darstellerin der Eva, habe ich seitdem nicht mehr so entwaffnend und berauschend gesehen wie in Tuvalu ("Luna Papa" mit Moritz Bleibtreu - wohl deswegen eher auf DVD zu haben - ist dagegen ein blasser Abklatsch).
Die Geschichte von Gut und Böse, vom Antihelden Anton, der ein Mädchen anschwärmt und gegen einen vermeintlichen Goliath (seinen eigenen Bruder) zu gewinnen versucht, ist längst nicht alles, was an diesem Film fasziniert.
Das Set - ein altes verfallendes Schwimmbad aus der Gründerzeit (?), das inmitten einer leeren Landschaft wie in einem Traum die merkwürdigsten Gestalten und ihre marottenhaften Angewohnheiten begrüßt, ist allein schon ein cineastisches Fest. Der eigenwillige Schauspielstil (eben ohne "richtige" Dialoge, fast wie ein Stummfilm und dann eben doch nicht: alles ist Gemurmel, Gebrummel, Geflüster - und man versteht trotzdem einwandfrei, worum es geht) erinnert daran, dass es abseits vom angelsächsischen Kino noch ganz andere Traditionen gibt, die es (wieder) zu entdecken gilt.
Tuvalu ist ein Sehnsuchtsort, eine kleine Inselgruppe im Pazifik (das echte Tuvalu ist übrigens vom steigenden Meerespsiegel bedroht und wird in einigen Jahrzehnten vielleicht evakuiert und versunken sein), im Film ist es die Projektionsfläche für die Wünsche der Charaktere, die sich in ein besseres, freieres Leben wünschen, aber sich doch ganz gut durchschlagen in dem, das sie haben.
Aus dem oben gesagten ergibt sich, dass weder Freunde von Actionfilmen, noch die Anhänger leichter Komödien hier auf ihre Kosten kommen werden. Wer es aber gern ein bisschen schräg mag, wen glatte Oberflächen und production value in Form von schnellen Autos oder schicken Häusern im Kino weniger interessieren als im wahrsten Sinn des Wortes "traum"-hafte Sequenzen und überraschende filmische Ideen, dem sei der Film wärmstens empfohlen.
Das Wort "Filmjuwel" ist überstrapaziert. In diesem Fall ist es aber meine ganz subjektive Meinung: die Entdeckung dieses kleinen Filmschatzes war die beste Überraschung heute bei Amazon.