Tutu war eigentlich immer schon ebenso ein Album von Marcus Miller wie von Miles Davis. Miller schrieb die meisten Stücke, spielte etliche Instrmente und war Co-Producer. Nicht nur legitim sondern auch konsequent und logisch, wenn er mit seiner Band das Album in leicht aktualisierter Form auf die Bühne bringt.
Beim Erscheinen des ursprünglichen Albums hatte ich so meine Probleme damit. Mir war es irgendwie zu steril, elektronisch überfrachtet mit dem Einsatz von Synthesizern, Sequencern und Drum Machines und jeder Menge Overdubs. Im Laufe der Jahre gefiel es mir dann immer besser, ein gutes Zeichen. Möglicherweise habe ich auch einfach dazugelernt, wurde toleranter, offener.
Das was Marcus Miller und seine Band bei diesem Konzert von 2009 in Lyon daraus gemacht ist auf jeden Fall schlichtweg der Hammer. Miller zieht förmlich alle Register. Fingerstyle, Slapping, Flageoletttöne, Akkorde, Arpeggios, beinahe Kontrabass-ähnliche Walking Bass-Linien. Mal lässt er seinen Bass wie eine Gitarre klingen (inkl. Distortion), mal nutzt er ihn als Percussion-Instrument. Er entlockt seinem Fender Signature-Jazz-Bass mit Hilfe seines Pedalboards Dub-Sounds, greift für weiche, singende Klänge zwischendurch mal zum Fretless-Bass und spielt hin und wieder die Bassklarinette (von der ich bislang überhaupt nicht wusste, was für ein gewaltiges Instrument das ist). Seinen Mitmusikern, die ihm in punkto Virtuosität und Spielfreude nicht nachstehen, lässt er dabei genügend Freiraum, jeder bekommt die Möglichkeit sich bei einem ausgedehnten Solo auszutoben. Vor allem dem damals erst 21-jährigen Alex Han an Alt- und Sopransaxophon und dem Trompeter Christian Scott wird Raum zur Entfaltung gegeben. Trotzdem ist dies keine Ansammlung von egozentrischen Selbstdarstellern sondern eine homogene Band, die Miller auf nonchalante, leichtfüßige, 'spielerische' und uneitle Art leitet. Man spürt förmlich, wie viel Spaß die Band bei diesem Auftritt hat. Für diese Leute ist Musik nicht Arbeit, sondern ebenso essentiell wie Atmen, Essen und Trinken.
Gespielt wurden das gesamte Tutu-Album, dazu noch jeweils ein Stück von "The Man With The Horn", "Amandla", "You're Under Arrest" (die Michel-Jackson-Nummer 'Human Nature') und der Miles Davis-Klassiker "So What" (von "Kind Of Blue"). Die Ton-Qualität der zusammen mehr als 130 Minuten CD-Spielzeit ist für eine Live-Aufnahme mehr als ordentlich. Die DVD bietet die Gelegenheit das Konzert auch optisch nochmal zu genießen und enthält zudem eine Dokumentation in der Miller über sein Verhältnis zu und seine Arbeit mit Miles Davis erzählt. Das Einzige, was ich mir noch gewünscht hätte, wäre ein etwas weniger formeller Ort und ein dementsprechend etwas ausgelasseneres Publikum gewesen. Doch das hätte die Ton-Qualität sicherlich negativ beeinflusst. Man kann halt nicht alles haben.