Tutu war das Album mit dem viele eingefleischte Davis (und Jazz-) Fans dann gar nicht mehr konnten, das aber, wegen seiner Zugänglichkeit einer seiner größten kommerziellen Erfolge wurde, und was noch wichtiger ist: es begeisterte viele nachgeborene Musikliebhaber für Davis' Musik und animierte Sie auch seine älteren Platten zu hören und oft so überhaupt erst Zugang zum Jazz zu finden.
Natürlich ist das weder Fusion noch BeBop, sondern eher moderner Funk und Pop, aber man täte diesem Album und Davis unrecht, wenn man es als belangloses Studioprodukt abtun würde.
Zum Großteil ist das Marcus Millers Baby doch die einfachen und eingängigen Themen der songs entfalten durch Davis Spiel erst eine faszinierende (und oft düstere) Atmosphäre, die die ersten 3 Tracks schon fast als Vorläufer dessen erkennen lassen, was Massive Attack dann 5 Jahre später mit Blue Lines als eigenes Genre begründeten.
,Splatch' ist dann fast schon Funk-Rock und das von George Duke eingespielte und arrangierte, großartige ,Backyard Ritual' reiht sich perfekt in die Miller'sche Produktion ein. Das Nelson Mandela gewidmete ,Full Nelson' ist ganz toller 80er Jahre Funk der eine Ahnung davon gibt wie das Album wohl geklungen hätte, wenn es - so wie ursprünglich geplant - eine Kollaboration mit Prince geworden wäre und der Dub Reggae Untergrund von ,Don't Lose Your Mind' erinnert einerseits an die frühen UB40, andererseits nimmt er auch wieder Trip-Hop ein wenig vorweg.
Dass ausgerechnte die britischen New Wave Spinner ,Scritti Politti' durch ein cover von ,Perfect Way' von Davis geadelt wurden, zeugt nicht nur davon, dass der Mann auch damals immer noch am Puls der Zeit war, sondern auch von der Qualität den diese Komposition hat, und auf das Album passte der song - trotz seiner ungewöhnlich fröhlichen Anmutung - auch sehr gut.
Auf Tutu geht es wesentlich mehr um Atmosphäre und Flow, als um handwerkliches Können, oder virtuose Improvisationen. Was das anlangt, war es allerdings seiner Zeit um mindestens 5 Jahre voraus und bewies erneut das Miles Davis auch mit 60 noch ein Visionär und Innovator war, denn letztendlich tat Miller dann ja doch nur genau das, was Davis vorschwebte.