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198 von 234 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Tellkamps großes Selbstgespräch, 2. März 2009
Ich war auf diesen Roman gespannt - nicht nur, weil ich in der Nähe von Dresden aufgewachsen bin und den sozialen Rahmen der Handlung zumindest oberflächlich kenne. Dazu war ich in der beschriebenen Zeit so alt wie Christian, eine der Hauptfiguren, und habe so viele seiner Stationen zeitlich parallel erlebt: EOS, Abitur, dreijährige Armeezeit, Ende der DDR. Nach einer anstrengenden bis quälenden Lektüre bin ich mit Uwe Tellkamps "Der Turm" eher unzufrieden. Dieses Buch ist nicht der erwartete Gesellschaftsroman sondern leider nur eine starre, schrullige und gelegentlich größenwahnsinnige Beschreibung eines bestimmen Dresdener Kleinbürgermilieus. Mir kommt es vor wie eine Art gigantisches Selbstgespräch, mit dem der Autor seine Jugendjahre reproduziert.
Dieser "Turm" ist trotz seiner Detailverliebtheit abweisend; er erzählt keine große Geschichte, an deren Handlung und Figuren man Anteil nimmt. Das liegt vor allem an den drei Hauptfiguren des Romans: neben Christian (offensichtlich Tellkamps alter ego) sein Vater Richard und sein Onkel Meno. Jeder hat auf seine Weise bestimmte Konventionen extrem verinnerlicht, erscheint borniert und unbeweglich. Man kann als Leser zu ihnen kein Verhältnis aufbauen; sie bleiben während der gesamten Handlung stets distanzierte Fremde. Speziell die Figur des Christian wirkt so blass, verklemmt und unverständlich. Sie erzeugt keine Neugier und kann einen nicht durch den Roman führen. Ähnlich ergeht es mir mit Meno, diesem zwanghaften Nischen-Intellektuellen, der seine Unfähigkeit zu leidenschaftlichen Gefühlen im Buch immer wieder mit seitenlangem Gesülze kompensieren muss. (Durch die Kursivschrift kann man jeweils leicht weiterblättern).
Andere Mängel des Romans wiegen bei dieser unglücklichen Struktur der Hauptfiguren fast weniger schwer: die hölzernen Dialoge, die durchweg seltsam erscheinenden Frauenfiguren, der Mangel an Sexualität in und zwischen den Figuren, schließlich die langweilende und häufig funktionslose Detailversessenheit. Natürlich gibt es auch Szenen und Episoden, die ich gelungen fand: die Darstellung der Dichtermilieus etwa, des Hauses Arbogast oder des Beginns von Christians Armeezeit. Aber das bleibt für mich zu wenig, um den "Turm" als großen, nachhaltig wirkenden Roman zu bewerten.
Bleibt die Frage, ob das Buch zumindest als wahrhaftige Chronik der späten DDR taugt. Auf jeden Fall zeichnet Tellkamp die kleine Welt seines Romans sehr treffend und realistisch. Ein breites Gesellschaftspanorama sollte man allerdings nicht erwarten. Sicher konnte man in Dresden und anderswo auf den materiellen Mangel und die staatliche Repression so reagieren und sein Leben so gestalten wie die Figuren im Turm". Man musste es aber nicht, ohne dadurch gleich ein Anhänger des Systems gewesen zu sein. Vielleicht wäre aus diesem Buch ein großartiger Roman geworden, hätte Uwe Tellkamp vorher seinen "Turm" tatsächlich verlassen...
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255 von 324 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Turmhoch über dem Niveau der geläufigen Feuilletonliteratur - DER Roman über den Untergang der DDR, 6. Dezember 2008
Knapp zwanzig Jahre nach dem Untergang der so genannten "DDR" ist die historische Hypothek dieses Systems noch immer nicht bewältigt - mehr noch: der Unrechtscharakter des ersten kommunistischen Staates auf deutschen Boden weicht von Jahr zu Jahr stärker einer verklärenden Ostalgie, die die geschichtlichen Tatsachen auf den Kopf stellt.
Ein Grund für diese Verklärung ist neben der Geschichtslosigkeit unserer Eliten und der Linkslastigkeit der öffentlich rechtlichen Meinungsvorgaben sicher auch der Umstand, dass es noch keinen repräsentativen Roman über die DDR gab, in dem man heute noch nachlesen könnte, wie es wirklich war, hinter Stacheldraht und Todesstreifen und umgeben von kommunistischer Propaganda sein Leben vergeuden zu müssen.
Dieser Roman liegt nun vor, und es gehört zu den erfreulichsten Ereignissen unseres literarischen Lebens, dass dieser veritable Riesenroman ( knapp tausend Seiten ) unlängst sogar den deutschen Buchpreis 2008 erhielt.
Uwe Tellkamps "Der Turm" erzählt die letzten sieben Jahre der DDR als eine kunstvoll verschachtelte Familiengeschichte mit einem geradezu überbordenden Begleitpersonal. Parteibonzen, Lektoren, Schüler, Soldaten, Künstler, Sprösslinge der Nomenklatura, Krankenschwestern, Anwälte und Republikflüchtlinge, Zensoren und Chefärzte haben nacheinander ihren genau berechneten Auftritt in diesem Roman von Tolstoischen Ausmaßen, der im Jahre 1982, dem Todesjahr Breschnews beginnt und am 9.11.1989, genau mit dem Datum des Mauerfalls, endet.
Es schneit in Dresden, als der Internatsschüler Christian Hoffmann zum Geburtstag seines Vaters anreist. Die Hoffmanns, eine weit verzweigte Familie, wohnen ebenso wie die Rohdes und andere in einem ehemals gut bürgerlichen Viertel oberhalb Dresdens. In diesem noch immer recht schmucken Turmviertel" tragen die Häuser romantisierende Namen wie etwa "Haus Karavelle", in dem der Oberarzt Christian Hoffmann lebt, oder das "Tausendaugenhaus", in dem der Lektor Meno Rohde Tür an Tür mit Pedro und Babette Honich, einem Kampfgruppenkommandeur und einer Pionierleiterin wohnt. Von all diesen Häusern hat man einen guten Blick auf die Stadt, die Berge und die Sicherheitsanlagen "Jener", die das Land beherrschen. Jene", das sind die Gefolgsleute "Ostroms", d.h. die Parteisekretäre, die Bücher und Filme zensieren, die Schuldirektoren, die ihre Schüler sofort nach dem Abitur dazu zwingen, sich drei Jahre zur Nationalen Volksarmee zu melden, die Chefärzte, denen politisches Wohlverhalten wichtiger ist als chirurgische Kompetenz und der allgegenwärtige Staatssicherheitsdienst, der jedermann notfalls mit Erpressung zur Mitarbeit bei der Bespitzelung des eigenen Volkes zu gewinnen sucht.
Das ist das Bühnenbild, auf dem Christian und sein Onkel Meno Rohde, Richard Hoffmann und seine Geliebte, Barsano und Arbogast, der Alte vom Berge" und viel andere am dance macabre" der DDR teilnehmen. Die Hintergrundmelodie dieses dance macabres" ist von Anfang an präsent: überall bröckelt der Putz von den Wänden, die Schadstoffe werden einfach in die Flüsse geleitet, die einfachsten Medikamente fehlen, und die Güter des täglichen Bedarfes sind, soweit vorhanden, von einer erschütternden Schrottigkeit - nur die Wut, das Unbehagen, die Empörung der Menschen befindet sich im Wandel, steigert sich von Jahr zur Jahr, bis sie eines Tages in jenen massenhaften Mut konvertiert, der zur friedlichen Revolution von 1989 führt.
Auf dem Hintergrund dieser Alltagskakophonie, die von Jahr zu Jahr schriller wird, spielt die eigentliche Handlung nur eine sekundäre Rolle. Die Hauptfiguren ändern sich nicht, nur die kaum noch erträglichen Zustände werden immer schlimmer. Und dafür, wie diese Zustände gewesen sind, stellt dieses Buch das monumentalste Zeugnis in deutscher Sprache dar. Schon Max Weber hatte den Sozialismus als die "Herrschaft der Mediokren" bezeichnet, die Lektüre des Kapitels über den "Behördentag" (S. 204-212) aber verdeutlicht am Beispiel der Beamtenwillkür, was dies wirklich an Erniedrigung bedeutet. Erschütternd das Tribunal über die Schülerin Verena, die es wagte, in einer Geschichtsklausur aus Protest ein leeres Blatt abzugeben. Fast schon abgedreht sind die Auseinandersetzungen der Lektoren mit den Parteizensoren, entlarvend die unzähligen Beispiele der Korruption - vom Generalsekretär bis zum Handwerker, der seine Arbeit nur gegen Westgeld akkurat verrichtet, wissen alle ihr Schäfchen unter dem Deckmantel einer verlorenen Welterlösungsmoral ins Trockene zu bringen. Was es über die Ausbildung der DDR Jugend bei der Nationalen Volksarmee (S.534ff.), über die Zustände in DDR-Krankenhäusern in Zeiten des permanenten Stromausfalls ( S.702ff.), über den Zusammenbruch der Energieversorgung in den eiskalten Wintern der späten Achtziger Jahre und die Verbitterung der Menschen, die all das und noch viel mehr ertragen müssen, zu lesen gibt, ist akribisch, literarisch und erschütternd zugleich.
Ich habe diesen Roman mit großem Gewinn und steigender Anteilnahme gelesen, will aber auch nicht verschweigen, dass es mitunter ganz schön Mühe kostete, durchweg bei der Stange zu bleiben. Denn Tellkamp startet sein Oeuvre ohne jedes kammermusikalische Vorspiel. Da ist sofort und 973 Seiten lang das ganze Orchester mit allen literaturformalen Raffinessen am Werk, da wechseln die Erzählebenen, es variiert der Sprachduktus und mitunter mag man gar nicht glauben, dass die hyperbolisch verschachtelten Satzkonstruktionen noch zu einem glücklichen Ende finden. Aber es lohnt sich uneingeschränkt, wobei ich allerdings noch anmerken möchte, dass das Buch einen großen Nachteil hat: wie alle großen Werke muss man es mindestens zweimal lesen, um seinen Gehalt auch nur annäherungsweise auszuschöpfen. Dazu lasse ich mir aber noch ein wenig Zeit und feiere einstweilen erst einmal den Untergang der DDR mit einem Rotkäppchensekt. Danke Uwe, aber lass Dir für den nächsten Riesenroman bitte noch etwas Zeit!
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31 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Überbewertet, 15. Februar 2009
Ich finde das Buch überbewertet. Vor lauter Detailverliebheit verliert sich beim Leben das Gefühl für Tellkamps Figuren. Schier endlose und sich wiederholende Schilderungen von Gegend, Milieu und Ort verwässern die Geschichte. Beim Lesen hat man irgendwann den Eindruck, als würde es dem Autor darum gehen, alle und auch wirklich alle Erinnerungen an Dresden in diesen Roman zu packen. Und irgendwann davon ermüdet, fehlt es dem Leser am Vermögen, mit den tragischen Schicksalen der Personen mitzufühlen. Weniger wäre in diesem Falll mehr gewesen. So empfindet man den "Turm" wie eine selbstverliebte Germanistenprosa.
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