Turlupin ist der Familienname eines französischen Perückenmachers (17. Jhd.), der - ähnlich wie Amélie Poulain (Film: "Die fabelhafte Welt der Amélie") - in einer ganz eigenen Welt lebt. Wie Jean-Baptiste Grenouille (Buch: "Das Parfüm") als Waisenkind aufgewachsen und in einem einfachen Handwerksberuf arbeitend fühlt sich Turlupin zu höherem berufen. Nach einem Zwischenfall mit einem Bettler (er haßt Bettler, gibt aber jedem ein Almosen, weil er angst hat, daß sie ihn sonst bei Gott verpetzen) gerät er versehentlich auf eine herzögliche Beerdigung und ist, als jemand ihm sein Medaillon mit seinem Bild stiehlt und die Herzoginwitwe ihn lange ansieht, plötzlich überzeugt davon, daß er der Sohn des gerade beerdigten Herzogs sein muß. Er fängt also an, die Herzogin (seine "Mutter") zu stalken. Da er auch sonst nicht ganz helle ist, fällt er dabei Helfershelfern Kardinal Richelieus in die Hände, die ihn benutzen wollen, um eine adlige Konspiration (die im Haus seiner "Mutter" stattfinden soll) zu unterwandern. Durch reines Glück übersteht Turlupin die Sitzungen der Adligen, zu denen er eingeschleust wurde, und stellt sich am Ende mit heldischer Gesinnung (und an der Seite seiner vermeintlichen Verwandten und deren Mitverschwörern) einem Mob von Pariser Bürgern, die von Richelieus Leuten angestachelt wurden, das Haus des Herzogs anzugreifen, da der Kardinal plant, den französischen Adel auszulöschen. Turlupin weiß zu keiner Zeit, was eigentlich los ist. Er reimt sich sein Weltbild aufgrund von für ihn bedeutungsvollen Zufällen zusammen - und stirbt schließlich in einem unfaßbaren Coup, der den französischen Adel rettet:
~~~~~SPOILER!!!~~~~~
In dem Mob, der das Haus des Herzogs angreift, erkennt Turlupin einen seiner Kunden aus seiner Zeit als Perückenmacher. Da er befürchtet, daß der Mann seiner neuen "Familie" erzählen könnte, mit welchen niederen Tätigkeiten der verlorene Sohn seinen Lebensunterhalt bislang verdient hat, springt Turlupin vor (während sowohl seine Seite, als auch der Mob noch auf ein Zeichen zum Angriff wartet) und tötet ihn, wobei er selbst lebensbedrohlich verwundet wird. Der Kunde ist allerdings der Rädelsführer des Mobs, Richelieus wichtigster Agent, und sobald er tot ist, zerstreut sich die Menge und der Adel kann aufatmen. Es bleiben noch 150 Jahre bis zur Französischen Revolution, die nach Perutz' Meinung durchaus auch schon 1642 hätte stattfinden können... hätte nicht ein Frisör unwillentlich Richelieus Pläne durchkreuzt. Spoiler 2: Am Ende stellt sich auch heraus, daß die Herzogin Turlupin bei der Beerdigung nicht angesehen hatte - sie ist lediglich blind und starrte in der Kirche blicklos in irgendeine Richtung (in der aber Turlupin zufällig stand).
~~~~~SPOILER ENDE~~~~~
Wie Grenouille wird Turlupin als nicht sonderlich attraktiv beschrieben - heldenhaft, durchsetzungsfähig oder clever ist er aber auch nicht. Was ihn bemerkenswert macht, sind seine abstrusen Ideen. Er stürzt von einem Fettnäpfchen ins nächste, versucht fieberhaft, mit widrigen Situationen und Menschen fertigzuwerden und erreicht damit eine nicht zu übertreffende Komik. Als unbeteiligter Leser kann man es uneingeschränkt genießen, wie Turlupin sich im Haus des Herzogs als angeblicher Provinzadliger durch seine Frechheit ein Duell bei Morgengrauen einhandelt und anschließend - aus Angst, weil er als Perückenmacher ja nicht fechten kann - versucht, mehrere der adligen Verschwörer dazu zu überreden, die Sache für ihn auszutragen. Er läuft durchs Haus und sät (auf äußerst durchschaubare und darum extrem lustige Art!) unter den teils schon ziemlich betrunkenen Herren von Stand Streit, damit ein anderer seinen Gegner umbringt, bevor er zum Duell antreten muß. Dieser Roman hat einfach historische Akkuratesse, Witz, gute Charaktere und einen ansprechenden Plot. Außerdem wartet er noch mit der äußerst interessanten Theorie der vorgezogenen Revolution auf. Wenn man sich - wie ich - am Ende vorstellt, was Kardinal Richelieu wohl für ein Gesicht zieht, wenn seine Spione ihm den Ausgang des Überfalls auf das herzögliche Haus berichten, wird man wahrscheinlich um ein "Oh mein Gooooooooooooooooooott!!!" und einen Lachkrampf nicht mehr herumkommen. Weiteres Plus: Wer einen irren Vorläufer von Amélie und Grenouille kennenlernen will, ist hier auch sehr gut beraten. Turlupin schlägt alles!