John Stockwells Film "Turistas" aus dem Jahre 2006 hätte etwas anderes werden können als ein 08/15-Schocker, aber leider hat der Regisseur wenig aus seiner Grundidee gemacht.
Die Geschwister Alex (Josh Duhamel) und Bea (Olivia Wilde) reisen in einem vollbesetzten Bus durch den brasilianischen Urwald, doch als wegen eines Busunglücks die Reise unterbrochen wird - es dauere ja auch immer alles sooooo lange in diesem Land, wird einer der amerikanischen Touristen später sagen -, gehen die beiden, zusammen mit vier anderen jungen Backpackers, die sich ihnen angeschlossen haben, zum Strand hinunter, wo eine wilde Party im Gange ist. Man tanzt ausgelassen, trinkt und kommt sich näher, doch am nächsten Morgen wachen die sechs Touristen benommen auf und müssen feststellen, daß man sie unter Drogen gesetzt und all ihrer Habseligkeiten beraubt hat. Doch es soll noch schlimmer kommen, denn in dem Dorf, in das sie, völlig durchnäßt und notdürftig bekleidet, kommen, erkennen sie einige der ihnen gestohlenen Gegenstände wieder, und als sie mit Dorfkindern deshalb in Streit geraten, müssen sie aus dem Dorf fliehen. Ein Einheimischer, mit dem sie sich in der Nacht zuvor am Strand angefreundet haben, bietet ihnen seine Hilfe an, doch führt er sie geradewegs in den Dschungel, wo ein brasilianischer Arzt schon auf die Gringos wartet, um ihnen ihre Organe entnehmen zu können.
Geschichten wie diese wurden schon hundertmal erzählt, und jeder weiß auch, wie sie ausgehen - ja wir können sogar genau angeben, welche der Touristen sterben und welche überleben werden, ohne hellseherische Fähigkeiten beanspruchen zu dürfen. Die Originalität eines "Saw I" fehlt hier völlig und auch wirklich spannend wird der Film erst nach ungefähr 45 Minuten, wenn die Touristen im Haus des Arztes angekommen sind. Fairerweise muß man sagen, daß auch die feindselige Atmosphäre im Dorf ein wenig zum Aufbau von Spannung beigetragen hat, die aber anschließend auf der endlosen Dschungelwanderungssequenz auf der Strecke blieb, um ein Picknick zu machen.
Ein wenig originell sind immerhin die im letzten Drittel des Filmes auftauchenden - man verzeihe mir das eigentlich unbeabsichtigte Wortspiel - Unterwasserverfolgungsszenen, in denen ich durchaus Beklemmung empfand. Recht subtil ist auch die Veränderung der Farben, nachdem die Touristen ausgeraubt worden sind: Glänzt zunächst alles in satten Farben wie in einem Urlaubsprospekt, so liegt nachher ein matter Schleier über allem, der noch durch den Umschwung des Wetters und die Enge des Dschungels intensiviert wird.
Mein Hauptkritikpunkt an dem Film jedoch ist, daß ich ihn für heuchlerisch halte. Das Grundmuster ist das folgende: Amerikanische (und australische und schwedische) Touristen verbringen ihren Urlaub in einem Land der Dritten Welt. Dort fährt zunächst einmal der Busfahrer total schlecht, einfach unfähig, wie Alex ihm auch zu verstehen gibt. Am Strand scheinen alle Menschen nett zu sein, aber natürlich warten sie nur darauf, sich für die Touristen zu prostituieren - dabei wollte der junge Jock den Sex doch gratis, weil er so gut aussah und den Hauch der weiten Welt mitbrachte - oder sie auszurauben. Und schließlich erwartet sie inmitten des Dschungels der absolute Alptraum in Gestalt eines kriminellen Arztes, der ihnen die Organe bei lebendigem Leibe entnehmen will. Wenn die Brasilianer in dem Film nicht gerade alkoholisiert mit den Touristen tanzen, dann tauchen sie vor allem in Konfliktsituationen und als Bedrohung (ärgerlicher Vater eines fotografierten Kindes, aufgebrachte Menge im Dorf) auf. Ich kann bei all dem gut verstehen, daß der Film in Brasilien viele ablehnende Reaktionen hervorrief.
Um sich nun aber nicht völlig dem Vorwurf der Voreingenommenheit auszusetzen, ließ Drehbuchschreiber Michael Ross die Figur des Kiko, der die Touristen dem Doktor in die Arme führt, auf halbem Wege Gewissensbisse bekommen und später zum Retter der Ausländer werden. Allerdings wirkt Kiko nicht nur vor seinem Unfall am Wasserfall so, als habe sein Schädel enge Bekanntschaft mit einem Felsen geschlossen. Auch der Doktor soll anscheinend kein reiner Bösewicht sein, denn sein Motiv für den Organraub ist es, den reichen Amerikanern zu helfen, ihre Schuld gegenüber den Armen abzutragen. Hier haben wir eine ernstzunehmende politische Botschaft, aber - und das ist meiner Meinung nach das Heuchlerische des Filmes - sie wird nicht wirksam entwickelt. Dr. Zamura ist alles in allem ein Bösewicht wie aus einem James-Bond-Film - vielleicht nicht ganz so cool, aber sicher genau so böse: Er sticht einem seiner Männer mit einem hölzernen Käsespieß so gekonnt ins Auge, daß sein Opfer auf der Stelle seinen Geist aufgibt, und er beschimpft seinen indianischen Spießgesellen auf äußerst rassistische Weise, was diesen schließlich gegen ihn aufbringt. Hätte man Zamura ein wenig ambivalenter dargestellt, wäre vielleicht auch die Botschaft dieses Films ernster zu nehmen gewesen. So wirkt sie auf mich wie ein wohlfeiles Argument dagegen, daß der Film ein Horrorbild von Brasilien zeige, um den westlichen Zuschauer mit gutem Grusel zu unterhalten.*
Nein, kann Mr. Stockwell hier sagen, es geht mir darum zu zeigen, wie sehr die Menschen in armen Ländern von uns ausgebeutet werden. - Aber, so kann man ihm entgegnen, dieses Motiv geht in der Horrorgeschichte völlig unter, man nimmt es dem grundböse gezeichneten Zamura auch nicht ab, daß er uneigennützig handelt, die politische Spitze hier ist ein Feigenblatt, mit dem der Film die Blöße seiner Sensations- und Actiongier verhüllen will. Ein weiteres: So stellt Stockwell an manchen Stellen auch die Armut in Brasilien dar, vor allem in der Sequenz, in der die Touristen auf das abgelegene Dorf stoßen, doch wirkt diese Armut in erster Linie als Folie der Bedrohung und Fremdheit, die unsere zum Teil recht unsympathischen Identifikationsfiguren umgibt und kann deshalb auch als filmisches Mittel zur Spannungssteigerung betrachtet werden.
Übrigens gilt auch in diesem Schocker die goldene puritanische Regel, daß alle jungen Leute, die in diesem Film außerehelichen Geschlechtsverkehr haben oder auch nur herummachen, unweigerlich dem Grimmen Schnitter zum Opfer fallen. Ist doch irgendwie beruhigend, daß die Welt noch so in Ordnung ist, auch wenn man als Amerikaner (oder Australier oder Europäer) anscheinend nirgendwo mehr sicher ist ...
*Psychologisch vielleicht ganz interessant: Die Touristen aus den Industrienationen genießen einen relativ billigen Urlaub in Ländern der Dritten Welt, wo sie von der Armut dort profitieren, müssen sich aber davor fürchten, ihrerseits von den Hungrigen und Zornigen "verschlungen" zu werden. Was für ein dekadenter Grusel!