Eine Kritik schreiben kann ich als Übersetzerin von Chang-rae Lees Roman "Turbulenzen" natürlich nicht, da müßte man mich wegen Befangenheit ablehnen, aber der/dem Leser/in aus Freiburg, die/der da so fröhlich gegen meine Arbeit vom Leder gezogen hat, möchte ich doch die Frage stellen, ob sie/er etwa im Ernst glaubt, als Übersetzer dürfe man so skandalös eigenmächtig in den Charakter des Originals eingreifen, daß man dessen Stil und sprachliche Eigenheiten nach Gutdünken verändert. Oder halten Sie uns literarische Übersetzer von vornherein für gewissenlose, pflichtvergessene Gesellen?
Chang-rae Lees Hauptfigur in diesem Roman, Jerry Battle, ist ein Mann von fast 60 Jahren, der sicher nie ein Mädchenpensionat von innen gesehen hat (die Übersetzerin übrigens auch nicht), dessen Sprache aber die eines einfachen Durchschnittsamerikaners ist, recht lässig, absolut nicht hochgestochen, manchmal fast ein bißchen schnoddrig, obwohl der Mann durchaus belesen und gebildet ist, aber dennoch alles andere als ein Intellektueller. Und dieser Mann hat (genau wie die Übersetzerin, die derselben Generation angehört) einen Schatz an Alltagssprache, in dem idiomatische Wendungen aus den neunzehnhundertfünfziger Jahren ganz gleichberechtigt neben solchen aus den Neunzehnachtzigern oder den Zweitausendnullern stehen.
Nicht zuletzt dieser Reichtum an sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten, mit dem Chang-rae Lee seine Figur im Original ausstattet, macht das Buch so interessant, denn hier wird, und das ist hohe Kunst des Autors, anhand der verschiedenen Schichten von Umgangssprache, die unterschiedelichen Zeitperioden zuzuordnen sind, sehr schön, sehr sinnlich und begreifbar die Geschichte eines konfliktreichen Menschenlebens abgebildet.
Für mich als Übersetzerin wäre es wesentlich einfacher gewesen, diese stilistische Besonderheit des Romans in meiner Übersetzung nicht nachzubilden, sondern einfach ein langweiliges Allerweltsdeutsch mit lauter kurzen Sätzen zu schreiben. (Das wär auch schneller gegangen, da hätte ich mein Geld weniger mühsam verdient.)
Wenn die/der verehrte Leser/in aus Freiburg, sich die Mühe gemacht hätte, mehr als nur ein paar Seiten zu lesen, wenn sie/er womöglich sogar einen Blick ins Original geworfen hätte, äre ihr/ihm vielleicht aufgefallen, daß der Autor hier eine ganz wunderbar präzise und komplex zusammengesetzte, mit großer Virtuosität durchgestaltete Kunstsprache geschaffen hat, die von der Übersetzerin präzise (in einer Kritik in der Berliner Zeitung stand sogar "perfekt" wiedergegeben wurde. Aber hier ging es wohl jemandem mehr um die eigene Profilierung als darum, sich ernsthaft mit einem Kunstwerk auseinanderzusetzen. Schade bloß, daß solche unqualifizierten Äußerungen womöglich andere Leute vom Lesen abhalten, die mit den "Turbulenzen" wirklich etwas anfangen könnten.
Das finde ich traurig und ärgerlich, und darum schien es mir notwendig, mich als Übersetzerin ausnahmsweise einmal hier zu Wort zu melden.