Bevor ich dieses Album hörte, verband ich mit Joni Mitchell, ähnlich wie mit Carly Simon, eine in störender Weise von Fragilität geprägte Stimme. Zusammen mit dem vorherigen Songmaterial, bei dem in mir unweigerlich klischeehafte Assoziationen zu den Blumenkindern der 60-er und 70-er Jahre aufkamen, konnte ich, abgesehen von wenigen Titeln, vollends wenig mit dieser Musik anfangen. Das Songmaterial auf "Turbulent Indigo" hingegen wirkt reif, d.h. nachdenklich, und birgt feinfühlige Melancholie, also positive Traurigkeit, die aus mehr oder weniger bewältigten Lebenserfahrungen resultiert, wie sie alle von uns haben. Dabei wirken die Lieder nicht protestlerisch oder aus Programm rebellisch. Es handelt sich vielmehr um eine mit akustischen Instrumenten produzierte moderne Großstadtmusik, die, von tiefer Emotion und Verletzungen beseelt, für den nachdenklich schweifenden Blick in die Nacht und in sich selbst hinein wie geschaffen scheint. Dieses Album ist ein Meilenstein und einzigartig, und hat glücklicherweise auf andere Art in dem neuen Werk von Joni Mitchell "Both Sides Now" einen würdigen Nachfolger gefunden. Ich habe selten Musik auf Anhieb derartig mit Haut und Haaren genossen.