Es war im Tessin, kurz nach Weihnachten, als mich ein Satz traf wie eine Donnerkeule.
Es war nur ein Satz, ein einziger Satz. Aber er veränderte mein ganzes Leben.
Ich lag auf Fiorina Ravani, wie fast jeden Abend, und genoß ihre Zärtlichkeiten. Und wie fast jeden Abend, starrte sie in eine Kiste, in der viele kleine Menschen lebten.
Ich lag also gerade auf Fiorina, genauer gesagt auf ihrem Schoß, und schnurrte. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich bin ein Kater. Mein Fell ist rot, ich habe vier weiße Pfoten und eine weiße Nase. Ich bin unbeschreiblich schön.
Es war ein verdammt kalter Winter. Giovanni Ravani, Fiorinas Mann, zu dem ich keine erwähnenswerte Beziehung hatte, warf ein Stück Holz in den Kamin, und es versprach, ein gemütlicher Abend zu werden. Ein Abend, wie schon so viele in meinem angenehmen, aber langweiligen Leben.
In mir hatten sich Unruhe und Abenteuerlust angesammelt. Täglich mehr. Aber an diesem Abend war mir das noch nicht bewußt. Ich war intensiv damit beschäftigt, Fiorina daran zu hindern, ständig ihr Streicheln zu unterbrechen. Ohne Zweifel war die Ursache ihrer mangelnden Aufmerksamkeit ein Kerl in der kleinen Kiste. Sie war wie hypnotisiert. Der viel faszinierendere Typ lag doch gerade auf ihrem Schoß. Das galt es, ihr klarzumachen. Ich verstand es meisterhaft, indem ich mich von Zeit zu Zeit sehr umständlich um einen Stellungswechsel bemühte. Ich sah ihr tief in die Augen und ließ mich mit einem herzzerreißenden Seufzer in eine neue Position fallen. Sie streichelte tatsächlich weiter, und ich schnurrte belohnend. Der Erfolg war allerdings nur von kurzer Dauer, denn schon verfiel sie wieder diesem lächerlichen Kistenkerl. Ich beschloß, ein Auge auf ihn zu werfen, um in Erfahrung zu bringen, warum sie sich so bescheuert benahm.
Der Grund hieß Alexis Sorbas. Ich dachte gerade, was hat der nun, was ich nicht habe, als er den Satz sagte, der alles veränderte:
"Man soll das Leben genießen, ohne an die Konsequenzen zu denken!"
Rums! Das war die Donnerkeule!
Das war's! Das war's, was ich suchte. Das war ich. Das war mein Film. Das war ein Film über mich.
Mein Entschluß stand fest: Ich mußte mein Leben ändern. Auf der Stelle.
Mich beschäftigte schon länger ein Problem, das ich so schnell zu lösen nie gehofft hätte. Seit einiger Zeit unterhielten sich meine Ravanis darüber, demnächst vielleicht nach Italien übersiedeln zu wollen. Was immer sie damit meinten, ich spürte dabei ein leichtes Ziehen im Bauch und beschloß zu handeln. Man verläßt mich nicht! Ich verlasse! So sieht es aus.
"Man soll das Leben genießen!"
Die Donnerkeule!
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
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