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Tunneleffekt
 
 
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Tunneleffekt [Broschiert]

Dieter Schlesak
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Produktinformation

  • Broschiert: 248 Seiten
  • Verlag: Galrev (2000)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3933149223
  • ISBN-13: 978-3933149220
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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POETIK DER ABSENZ.

Auf Grund der verschlüsselten Wahrnehmung unserer Welt erweisen sich immer häufiger jene Dichter als Wegweiser durch die Undurchschaubarkeit, die mit Hilfe von interpretierenden Nachworten und begleitenden Essays ihren lyrischen Texten eine größere Transparenz verschaffen. Dieter Schlesak, aus dem siebenbürgischen Schäßburg stammend, seit den frühen siebziger Jahren in der Bundesrepublik und in der Toskana lebend und schaffend, unterzieht sich dieser Aufgabe in seinem Gedichtband „Tunneleffekt“ mit einer besonderen Intention. Eingebettet in den „Licht-Tunnel“, in dem der eigene Körper zum Exil geworden ist, umgeben von der „Wand der Augen“, den „Exilen“, der „Poesia erotica“, dem „Licht, die schnelle Grenze“ und den „parallelen Universen“ entwirft sein lyrisches Ich eine Poetik der Abwesenheit, in der die Archipele einer Sinnhaftigkeit angesiedelt sind, die dem Leben in der entchristianisierten westlichen Welt verwehrt wird. In der nun anbrechenden Epoche sei der Mythus des Christentums ebenso abgeschafft wie die Zeit: „Die Zeitlose / droht“, und in ihr ist „der Körper – nur noch ein aufgelöstes Kleid / die Vorgabe, die wir waren / reißt“. Womit ist aber der Raum besetzt, wenn aufgelöste Zeit und aufgelöster Körper nicht mehr als Orientierungsraster funktionieren? Sind es die Fremden, die „Embryonen des Futurs / mit den Hypnose-Augen“ oder ist gar die „unfertige Welt“ – ein Modell der Hoffnung? In der „Wand der Augen“, so die Vor-Erkenntnis nach dem ersten Abschnitt des Bandes, erweisen sich nur die „Engel (als) unsere Helfer“, sie scheinen die Träger einer Poetik zu sein, die das „heimlich Leben / das einmal kommen wird / denn nichts vergeht“ mit einer (noch) abwesenden Sinnhaftigkeit erfüllen. Doch vorerst bleiben die „Exile“, die künstlichen Welten, die Grundlage jener Trostlosigkeit des Ersatzes, die beharrlich nach der neuen Subjektivität fragt. Für Schlesak, dessen lyrisches Ich aus der Poetik der Absenz seine tiefgreifenden Wortwurzeln holt, ist es das Fehlende, „die Absenz, die ins Herz des Wirklichen zielt“. Wer bis zu dieser Passage in den komprimierten Texten gelangt ist, dem sei das Nachwort des Autors dringend empfohlen. Anderenfalls ertrinkt er in der Flut der Gedanken, die oft weniger linear als zyklisch angeordnet sind. Absenz sei heute der allgemeine Zustand geworden, „und erst in den Zwischenräumen des ‚Realen‘ kann es Hoffnung geben, sie ist bildlos und hart, es ist eine Leerstelle im Gewohnten, die Voraussetzungen sind günstig, die Zeit selbst hat Abschied im Blick ‚Gott ist der Tod‘“. (S. 179) Ich gestehe, daß mich solche apodiktischen Sätze nicht wissender machen angesichts der philosophischen Einsicht des Autors, daß wir nur zwischen Leben und Tod eine andere Bewußtseinsform erlangen können. Andererseits finde ich immer wieder über eine neue Passage Zugang zu einem poetologischen Weltmodell, das die Transzendenz des Lebens in der Ungeheuerlichkeit des Todes erfassen möchte. Aus diesem Grund gehören Schlesaks polemische Anmerkungen zur Hilflosigkeit unserer zeitgenössischen Dichter, die nach Celan oder Brodskij sich in einer geschichtslosen Lyrik verstecken, ohne aus dem Sprachgefängnis ausbrechen zu wollen, zu den anregendsten poetologischen Anmerkungen über die Undurchschaubarkeit der Welt in diesem Band. Solche Reflexionen gewinnen jedoch meiner Ansicht nach nur dann eine Luzidität, wenn die lyrischen Texte nicht in der apokryphischen Dunkelheit von Zitaten und waghalsigen Gedankensprüngen verschwinden. Störend im lyrischen Leseprozeß sind auch die didaktischen Einsprengsel, in denen das lyrische Ich die Jagd unserer Zeitgenossen nach Illusionen verurteilt. In „Parallele Universen“ heißt es dazu: „wir aber jagen immer noch hinter den Beweisen her / jagen real gedachte Phantome / aus dem Längstvonunsüberholten … Nichts als Gier eines Daseins / Nichts als die reine Gaukelei“. (S. 151) Zu den eindrucksvollsten Lektüren gehören die Zwiegespräche mit Paul Celan, Ernst Meister, Walter Benjamin, in denen die Poetik des Posthumanen jene Konturen erlangt, die sie in vielen anderen Passagen nur allzu bruchstückartig entwickelt. Es bleibt das vorläufige Fazit: Hier schreibt sich ein aphoristischer Lyriker durch die lichten Höllen einer Menschheit, die in der von ihr potenzierten Geschwindigkeit und der rasanten Verwertung des Lebens keinen Zugang mehr zu einem humanen Tod schaffen kann. Wer also gibt das Signal zur Umkehr? --Wolfgang Schlott, Zeitschrift Orientierung, 65/2001

DIALEKTISCHE SPIRALEN DER POETISCHEN ERKENNTNIS. -Zu einem neuen Band mit Gedichten und einem Essay von Dieter Schlesak-

Dieter Schlesak,der 1934 in Schäßburg geborene und seit 1969 abwechselnd in Deutschland und Italien lebende deutschsprachige Lyriker, Prosaautor und Essayist, definierte in einem Interview mit Stefan Sienerth seine Literatur als einen Versuch, Brüche auf einen Nenner zu bringen: „… es geht um Brüche, für die Nenner gesucht werden mussten: Nazizeit, Krieg, Kommunismus, Aussiedlung.“ Sein letzter Gedichtband „Landsehn“, erschien 1997, war geprägt von einer ununterbrochenen Bewegung durch Zeit und Raum, hin zur Erschaffung der multifunktionalen Metapher „Land“ als Territorium., Insel, Festland – oder in Abwandlung als Port im polaren Gegensatz zum bewegten Wasser -, letztendlich als Endstation der Geborgenheit für den Wechsler zwischen Kontinenten, Ländern und Kulturen. Ein Zentrum auf das hin jegliche Bewegung gravitiert und in dem die vom Dichter angesprochenen Brüche vereint werden können. Im jüngst erschienenen Band „Tunneleffekt“ – gegliedert in sechs Teile/Zyklen: „Die Wand der Augen“, „Exile“, „Poesia Erotica“, Licht Tunnel“, „Licht, die schnelle Grenze“, „Parallele Universen“ und einem Essay, „Fragmente zu einer posthumen Poetik“ – konserviert der Dichter das Perpetuum mobile des Wechsels und das Sehen, das instinktive Erblicken und Näherbringen, das bewusste Analysieren, Auflösen und Wiederherstellen von Bildern, das die lyrische Beobachtung ausmacht, vollzieht jedoch eine neue Spiralenschlaufe der lyrischen Analyse und Erkenntnis, indem er nicht mehr das Land sondern das Ich in seinen unterschiedlichen Hypostasen zum metaphorischen Zentrum und lyrischen Objekt macht. Die Poesie ist individueller, ich-bezogener Logos oder versuchtes Kommunikationsmittel zwischen Ich und Du vor einem landschaftlichen Hintergrund der Horizonte, Vögel, Zikaden, Wasserläufe, Palmen, Meere, Gärten. Sie ist systematisches Pulsieren des Ich, bei dem die vielfachen organischen Funktionen des menschlichen Körpers transponiert werden auf die Ebene des poetischen Vorgangs; Sehen, Aufnehmen, Heranzoomen oder Wegzoomen, Analysieren, synthetisches Integrieren bewirken das Erschaffen neuer eigener Universen über das wesentlichste Organ des Lyriker Schlesak: des Auge als Membrane äußerster Sensibilität und Komplexität. Zwar eine Poesie der großen Themen, jedoch nicht der großen Dimensionen oder Sprachgesten. Dimensionen, die den menschlichen Körper übertreffen, werden auf wesentliche Bestandteile hin destilliert: der Garten wird zum Grashalm, der Kosmos zum Himmelszelt, die Zeit zum Augenblick, wobei Schlesak noch einen Schritt weiter geht und selbst diese symbolischen Elemente wiederholt auflöst in Sinnkomponenten: „Himmels Zelt“, „Gras Halm“, „Augen Blick“; zeitliche-räumliche-inhaltliche Konzentration von Universen auf monadenartige Bilder: „Alles was je sein wird, ist immer / schon da.“ Es ist dies ein aktueller Humanismus, eine Ich- und Menschenbezogenheit nicht im Sinn des humanen Vorbildcharakters und Bildungsideals, sondern als letzte mögliche Alternative im sozialen und historischen Trubel unserer Zeit. Das Maß aller Dinge ist nicht mehr der Mensch. Das Maß aller Dingen sind die Dinge selbst und wir, Menschen/Dichter, müssen sie in unsere Innenräume integrieren, nicht um sie in rilkescher Manier zu retten, sondern um eine Chance zu haben, uns selbst zu retten: „… es bleiben ja nur die Wörter stehen, die nicht mehr weitermachen, wenn ich sie weglege…“ Und in einer weiteren Umkehrung rilkescher Prinzipien erfolgt der Wechsel zwischen Ding/Kreatur und Dichter/Mensch nicht allein, indem die Dinge verinnerlicht werden („Siehe: innerer Mann dein inneres Mädchen…“), sondern durch einen weiteren Schritt, den der Neuansiedlung des Dichters/Menschen in das Innerste der Kreatur: „alles was mich lebt…macht die Osmose möglich“. Bezeichnend dafür auch: „Und hör die Stimme nur im Wort! / die jetzt beginnt: du bist bei uns / komm sei uns näher / als dir bewusst // wir sind in jedem Gras Halm / den du siehst / er ist nicht mehr / es ist dein Blick der ihn erschafft / im Finger der bewegt / und uns bezeichnet // Wir sind so nah dass du / uns gar nicht sehen kannst / wir sind in dir / und du in uns geborgen.“ Durch Beobachtung und Erfahrung der Welt, die den lyrischen Prozess vorausgeht, wird der Dichter auf die wesentlichen Themen gelenkt, die er im Vers umsetzt: Verhältnis zwischen Leben und Leben, Leben und Tod: „Gebrochenes Auge // Mikroskopisch singt vor dir / ein Lid, das un- / gesehen sieht // Es starrt die Landschaft / hier gebrochen an und sieht / was Tote leben.“ Die Spirale dieses Gedichtbandes schließt sich wie auch im Fall von „Landsehn“, wo die einzig mögliche Konsequenz eine intensive Hinwendung zum Irdischen war („Die Erde, ein wie / unsäglich Tatsächliches“ und in Abwandlung des Rilkeschen „Hiersein ist herrlich“ der Kernsatz: „ein Ende hat es / was nicht ist / hier.“), mit dem intensiven Hinweis auf das Ich in seiner gegenwärtigen irdischen Bezogenheit: „Der Augenblick bricht auf // Hinweg hinweg stehn / Still Gedanken / sie sieben diese Welt. // Und bin in dir und werde jetzt / im Vers so hell / steh still und atme noch // Ein AugenBlick war ganz bei ihnen / kehrt jetzt zurück ich staune wieder / dass ich noch bin.“ In „Ging mein Leben…“ bündelt Schlesack ein Zeit-Raum-Kontinuum seiner lyrischen und biologischen Existenz: „Ging mein Leben / Ein Vers voraus / wie mein Vater / Als ich ein Kind war // In der Hauptstraße der Stadt / Am kleinen Park // Rast // Ich weiß, er ist wahrer / als mein Leben sein kann / Das hinter mir hergeht / mich hinabzieht wie Blei // Ich weiß, das Urteil ist schön längst / Gesprochen / Und ich warte nun draußen / auf seine Vollstreckung // Doch immer noch geht / Ein Vers voraus / Ein Blatt / auf dem stand / Dass ich es sei…“ Dichtung ist Bewegung, Vollendung einer Bahn, Ankunft und Anlauf, mit anderen Worten: „Brüche, für die ein Nenner gesucht werden muss“. Dichtung ist der Versuch, Brüche auch in der Sprache zu überwinden, was Schlesak mit Bravour gelingt, z.B. durch vage Andeutungen von delikaten Reimansätzen oder durch eine Syntax des ununterbrochenen Wortflusses kombiniert mit dem Verzicht auf eine hemmende Großschreibung, so dass die Dynamik der Texte beschleunigt wird. Schlesak lebt sein lyrischens Leben „in wachsendem Ringen“; der bisher letzte ist am weitesten gespannt und hinterläst die tiefste Spur. Insgesamt sind es Spuren, die wehtun: „…als wärst du ohne Haut“, Spuren, die sich einprägen in die Zellwände der Seele: „Beim Erwachen // Hörst du sie / rauschen um dich / wenn die Zellwand der Seele / fällt? // Übergib dich jenen / die die Uhren / schmelzen / zu denkhellem Licht: / wie die Unruhe / die früh / in dich fiel.“ Der im Band enthaltene Essay „Fragmente zu einer posthumen Poetik“ ist ein Gedankenspiel mit theoretischen und praktischen Varianten des Prinzips Literatur, bei dem die Kraftlinien und Wirkungsfelder der vorangegangenen Gedichte noch einmal, aufgeblendet werden. Ein virtuoser Wechsel der Betrachtungsebenen, ein Ab- und Auftauchen in Räume, die vom geteilten Bewusstsein zeitlich strukturiert werden, schließlich der Versuch anhand dieser das Wesen der Lyrik zu verbalisieren: Lyrik als Sog von historischen und gesellschaftlichen Grenzsituationen. Schlesaks Überlegungen konzentrieren sich auch im Essay auf einige der Hauptthemen seiner Gedichte: Leben und Tod, Zeit das Ich, die in einem systemischen Zusammenhang gesehen werden. Daher klingen einige Kernaussagen nicht wie Rezepte, sondern sie stellen eher Fluchtpunkte der Analyse dar. „Schreiben geschieht an dieser Grenze des Todesbewusstseins in einer merkwürdigen Geborgenheit und Absence, wo etwas Wesentliches, Intimes festgehalten werden kann!“ „Das Gedicht bringt das Unzertrennte, Unzerschnittene wieder; das Gedicht ist nicht Zeitverlauf, sondern die aufblitzende Sequenz.“ „Schreiben ist zwiespältig, es ist versuchte Todesverdrängung; da aber Tod und Leben zusammengehören, ist es zugleich Lebensaufschub und Totengespräch.“ Die Auseinandersetzung mit der Zeit erhält hier philosophische Dimensionen. Der lyrikimmanente Zwiespalt: „…dass alles noch da ist und schon längst vergangen – ist ein Aufbrechen unserer Logik, von der auch die Sprache bestimmt ist“. Man könnte sicherlich Alternativen dazu entwickeln, so etwa, dass es eher so ist, dass Sprache Bewusstsein und folgerichtig auch Logik generiert hat. Sollte der Mensch/Dichter eine neue Sprache der Lyrik kreieren, bei der alle Verben im Infinitiv stehen; sollten Vorgänge und Gefühle bloß benannt werden ohne zeitliche und personenabhängige Einschränkungen, wo doch G. Eich sagt: „Dass der Augenblick, wo ich dies sage, sogleich der Vergangenheit angehört, finde ich absurd“? Und sollte infolge der resignierten Bestandsaufnahme Eichs: „Ich bin nicht fähig, die Wirklichkeit so, wie sie sich uns präsentiert, als Wirklichkeit hinzunehmen“, ein neuer Wirklichkeitsbegriff geschaffen werden, der der Lyrik im Zeitalter der Virtualität entspricht? Angesichts dieser „neuen Wirklichkeit“ werden tradierte Begriffe aufgegeben, wie etwa der Begriff des Autors: „Der Autor, das Ich oder die ‚Iche‘ werden aufgelöst“. Vielmehr: die „Iche“ changieren von einer Subjekt- zu einer Objektfunktion, werden zum Austragungsort des lyrischen Geschehens. Schlesak sagt über das Gedicht: „Die wichtigste Perspektive des Gedichts ist: die Zeit aus dem Blickwinkel von Liebe und Tod zu ‚fühlen‘“. Damit bleibt er einem Credo treu, das er auch in seinen Gedichten umsetzt, nämlich, dass das Gedicht auch im Zeitalter der elektronischen Reproduktion und Produktion – oder gerade in dieser Zeit – noch immer etwas Sinnliches ist. --G. R. Stoica, Siebenbürgische Zeitung, 15.9.2000

Autorenporträt

Dieter Schlesak wurde in Transsylvanien/Rumänien geboren. Der Lyriker, Essayist, Romancier, Germanist, Übersetzer und Herausgeber lebt in Agliano/Italien und in Stuttgart.Schlesak erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, er ist Mitglied des PEN.

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5.0 von 5 Sternen Physik und Gott, 29. Dezember 2001
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Rezension bezieht sich auf: Tunneleffekt (Broschiert)
Im jüngst erschienenen Band „Tunneleffekt" - gegliedert in sechs Teilen/Zyklen: „Die Wand der Augen", „Exile", „Poesia Erotica", „Licht Tunnel", „Licht, die schnelle Grenze", „Parallele Universen" und einem Essay, „Fragmente zu einer posthumen Poetik", - konserviert der Dichter das Perpetuum mobile des Wechsels und das Sehen, das instinktive Erblicken und Näherbringen, das bewußte Analysieren, Auflösen und Wiederherstellen von Bildern, das die lyrische Beobachtung ausmacht, vollzieht jedoch eine neue Spiralenschlaufe der lyrischen Analyse und Erkenntnis, indem er nicht mehr wie früher das Land sondern das Ich in seinen unterschiedlichen Hypostasen zum metaphorischen Zentrum und lyrischen Objekt macht.
„Tunneleffekt" ist ein großartiger Dialog des Dichters mit dem Universum in seinen dimensionalen Extremformen, ein „Streit des Weisen" mit der überdimensionalen und unsichtbaren Zelle des Universums und den gleichwohl unsichtbaren Atomen der Materie.
Die Poesie ist individuelles ich-bezogenes Logos oder versuchtes Kommunikationsmittel zwischen ich und du vor einem landschaftlichen Hintergrund der Horizonte, Vögel, Zikaden, Wasserläufe, Palmen, Meere, Gärten.
Die Poesie ist systematisches Pulsieren des Ich, bei dem die vielfachen organischen Funktionen des menschlichen Körpers transponiert werden auf die Ebene des poetischen Vorgangs; Sehen, Aufnehmen, Heranzoomen oder Wegzoomen, Analysieren, synthetisches Integrieren bewirken das Erschaffen neuer eigener Universen und alles über das wesentlichste Organ des Lyrikers Schlesak: dem Auge als Membrane äußerster Sensibilität und Komplexität.
Zwar eine Poesie der großen Themen, jedoch nicht der großen Dimensionen oder Sprachgesten. Dimensionen, die den menschlichen Körper übertreffen, werden auf wesentliche Bestandteile hin destilliert: der Garten wird zum Grashalm, der Kosmos zum Himmelszelt, die Zeit zum Augenblick, wobei Schlesak noch einen Schritt weitergeht und selbst diese symbolischen Elemente wiederholt auflöst in Sinnkomponenten: „Himmels Zelt", Gras Halm", „Augen Blick".
Zeitliche-räumliche-inhaltliche Konzentration von Universen auf monadenartige Bilder: „Alles was je sein wird ist immer/schon da."
Es ist dies ein aktueller Humanismus, eine Ich- und Menschbezogenheit nicht im Sinn des humanen Vorbildcharakters, sondern als letzte mögliche Alternative im sozialen und historischen Trubel unserer Zeit. Das Maß aller Dinge ist nicht mehr der Mensch. Das Maß aller Dinge sind die Dinge selbst und wir, Menschen/Dichter, müssen sie in unsere Innenräume integrieren, nicht um sie in rilkescher Manier zu retten, sondern um eine Chance zu haben, uns selbst zu retten: „...es bleiben ja nur die Wörter stehen die nicht mehr weitermachen wenn ich sie weglege..."
Und in einer weiteren Umkehrung rilkescher Prinzipien erfolgt der Wechsel zwischen Ding/Kreatur und Dichter/Mensch nicht allein, indem die Dinge verinnerlicht werden („Siehe: innerer Mann dein inneres Mädchen..."), sondern durch einen weiteren Schritt, der Neuansiedlung des Dichters/Menschen in das Innerste der Kreatur: „alles was mich lebt ... macht die Osmose möglich".
Durch Beobachtung und Erfahrung der Welt, die dem lyrischen Prozeß vorausgehen, wird der Dichter auf die wesentlichen Themen gelenkt, die er im Vers umsetzt: Verhältnis zwischen Leben und Leben, Leben und Tod: „Gebrochenes Auge"//Mikroskopisch singt vor dir/ein Lid, das un-/gesehen sieht.//Es starrt die Landschaft/hier gebrochen an und sieht/was Tote leben.
Oder: „Im momenthaft gebautem Kehlkopf/steigen sie herab wie früher die Engel/berühren unsere Iris/nicht nur Synapsen, Neuronen//Längst ist der erste Schock vorbei/und wir sind gute Nachbarn der Fernen/Landschaften wie von anderen Sternen/Kopie an uns/Jenseits des Todes/Leben wir auf!"
Die Spirale dieses Gedichtbandes schließt sich mit dem intensiven Hinweis auf das Ich in seiner gegenwärtigen irdischen Bezogenheit: „Der Augenblick bricht auf"//Hinweg hinweg stehn/Still Gedanken/Sie sieben diese Welt.//Und bin in dir und werde jetzt/im Vers so hell/steh still und atme noch//Ein Augen Blick war ganz bei ihnen/kehrt jetzt zurück ich staune wieder/daß ich noch bin.
Dichtung ist Bewegung, Vollendung einer Bahn, Ankunft und Anlauf, mit anderen Worten: „Brüche, für die ein Nenner gesucht werden muß...". Dichtung ist der Versuch, Brüche auch in der Sprache zu überwinden, was Schlesak mit meisterhafter Bravour gelingt, z. B. durch vage Andeutungen von delikaten Reimansätzen oder durch eine Syntax des ununterbrochenen Wortflusses kombiniert mit dem Verzicht auf eine hemmende Großschreibung, so daß die Dynamik der Texte beschleunigt wird: „hol die Bilder aus dem auge,/ nicht aus dem blatt/ein kopf los elend//der gedanke schießt wie der weg/in die ferne/aber in der ferne/bin ich weg..."
Schlesak lebt sein lyrisches Leben „in wachsenden Ringen"; der bisher letzte ist am weitesten gespannt und hinterläßt tiefe Spuren. Spuren, die wehtun. „...als wärst du ohne Haut...", Spuren, die sich einprägen in die Zellwände der Seele: „Beim Erwachen// Hörst du sie/rauschen um dich/wenn die Zellwand der Seele/fällt?//Übergib dich jenen/die die Uhren/schmelzen/zu denkhellem Licht:/wie die Unruhe/die früh/in dich fiel."
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