Was kann ein Musiker tun, wenn er weiß, dass sein nächstes Album hundertprozentig den verschiedensten Erwartungshaltungen nicht entsprechen kann und wird, weder kommerziell die Verkaufzahlen des Vorgängers erreichen wird, noch künstlerisch ein gleich gearteter Geniestreich gelingen kann? Letzteres schon allein deswegen nicht, weil ein gleichartig gutes Album ja nur Wiederholung wäre und schon darum als weniger bedeutend gewertet werden würde.
Nach "Born in the USA" (mit bisher gut 30 Mio. verkauften Einheiten) und der 156 Konzerte (ausnahmslos Stadien, Arenen und Hallen mit Raum für 10.000+ Zuschauer) unspannenden Welttournee von Juni 1984 bis Oktober 1985, fand sich Springsteen in genau dieser Situation. Ein Luxusproblem, sicher, und dennoch muß der Druck ungeheuer sein.
Springsteen ließ sich zunächst Zeit und legte dann im Oktober 1987 mit "Tunnel of love" ein Album vor, was im vollen Kontrast zum Vorgänger war. Ob er es gezielt darauf anlegte oder es intuitiv so entstand, ist irrelevant, es war letztlich der bestmögliche Weg aus dem Schatten eines überdimensionalen Erfolges etwas Eigenständiges heraustreten zu lassen. Ein "Born in the USA 2" hätte ganz sicher Schiffbruch erlitten, egal wie gut es substanziell gewesen wäre.
"Tunnel of love" ist zögerlicher, im Sinne von zurückhaltender, behutsamer, bedachter, als alle vorangegangen Springsteen-Alben (mit Ausnahme des Songwriter-Akustik-Albums "Nebraska"). Die Mitglieder seiner E-Street-Band tauchen nur hier und da einzeln als Unterstützer auf, das Gros der Platte spielte Springsteen allein ein. Spur für Spur setzte er die Songs zusammen und es entstand ein Album, was abgeklärt und in sich ruhend wirkt. Keineswegs sind alle Songs auf "Tunnel of love" Balladen, aber gerockt wird bei keinem der zwölf Songs.
Selbst die dynamischeren Stücke wie "Brilliant disguise", der Titelsong "Tunnel of love" oder "All that heaven will allow" wirken besonnen, nachdenklich und nach innen gerichtet. Lediglich bei "Spare parts" hat man ein wenig den Eindruck als wäre künstlich die Handbremse festgehalten worden, dass die wirklich gute Rock-Nummer im Rahmen des Albums bleibt. Der Song will nach vorne, will antreiben, will die Rocker-Pose und die Leine wird hier auch etwas länger gelassen, freien Auslauf bekam es aber erst bei der Tour.
Wenn man jetzt hervorhebt, dass der Grundcharakter der Platte von Synthesizern geprägt ist und man die Jahreszahl 1987 im Hinterkopf hat, könnte ein falscher Eindruck entstehen. Denn obwohl das so ist, wirkt das Album nicht wie ein typisches Klangbild-Unglück des 80's-Pop. Springsteen hat mit sehr angenehmen Flächen gearbeitet und dem gesamten Album so einen weichen Teppich zugrunde gelegt, der die Balladen und die Up-Tempo-Songs zu einer homogenen Einheit zusammenfügt.
Und gerade unter den Balladen sind mit dem schweren "Tougher than the rest" und dem melancholisch, nachdenklichen "One Step up" zwei Lieder für die Ewigkeit auf diesem letzten Studio-Werk der 80er Jahre. Ersteres eröffnet das Album eigentlich erst wirklich. Track 1 fällt mit "Ain't got you" aus dem Grundsound des Albums heraus und ist ihm deshalb wohl auch wie eine Vor-Band vorangestellt. Springsteen groovt sich hier bei dem Zweiminüter akustisch ein, der lockerste Song des Jahrgangs, dann wird es still und mit Track 2 rollt schwer das Album an. Eine unglaubliche Atmosphäre die "Tougher than the rest" erzeugt. Man sieht förmlich einen geschundenen Kerl durch eine karge Landschaft gehen - aber aufrecht, ungebeugt, langsamen, aber gleichmäßigen, kraftvollen Schrittes, immer geradeaus. Einer meiner ewigen Top10-Springsteen-Songs.
Und "One Step up (and two Steps back)"?
Warum schreibt Traurigkeit, Zerrissenheit, die Erkenntnis des Scheiterns eigentlich immer die schönsten Lieder? Warum nicht das Glück?
In der langen Reihe der regulären Studio-Alben bisher (von Konzept-Alben abgesehen), ist "Tunnel of love" zweifellos das ungewöhnlichste, das stillste. Aber es ist genauso packend wie Springsteens typische straighte Rocksongs, nur eben in einem anderen Wortsinn.