Neue Zürcher Zeitung
Lagerfeld, Plinius, Tacitus
Volker Brauns Gedichte
Ein Mann sitzt im Kino. Der Film ist zu Ende, der Abspann läuft. Das Publikum geht. Und während der Mann noch die Wirkung des Films auf die Menge prüfen will, findet er sich plötzlich allein. Dunkel, Stuhlreihen wie «Schützengräben». Da trifft ihn der Schein einer Taschenlampe. Verhör oder Hinrichtung? «Da vorn», heisst es in Volker Brauns Prosa-Miniatur, «ist die Geschichte zu Ende.» Eine leere Leinwand.
Volker Braun gehört zu den Unverbesserlichen. Nicht der fehlenden DDR gehört seine Sehnsucht, aber dem solchermassen fehlenden Objekt intellektueller Reibung und Träumerei. Braun gehört zu jenen Dichter-Stimmen, deren scheinbar unzeitgemässes Lamentieren sich unter dem wachsenden Abstand der Zeit vielleicht einmal anders ausmachen wird auch in bezug auf die literarische Gewichtung. Im Moment aber herrscht Endzeit in Brauns Land und knirschende Selbstbefragung: «Warum schweigen die Dichter schämen sie sich / Ihrer Handschrift mit dem Stallgeruch / Des Staates, der in den Schredder kommt . . .» Und wenig später heisst es: «ich schäme mich / Mit Schweinen gekämpft zu haben / Die ich für meine Gegner hielt, meine Genossen / Gegen die ich antrat ein treuer Verräter / In der schimmernden Rüstung der Worte».
Aber Braun ist mehr als ein desillusionierter Utopist, den die Geschichte orientierungslos gemacht hat. Manch hellsichtige Zeile über die Zeitläufte findet sich in dem neuen Band: «Der Tanz auf der Mauer / die Mauerspechte mit den kleinen Hämmern / Die Volksarmee sah zu das Heer der Arbeitslosen / Eine Minute in meiner Zeit.»
Im Grenzstreifen zwischen verlorengegangenem Ideal und garst'ger Gegenwart bietet sich die Historie an. Fluchtpunkt Geschichte für Volker Braun ist dies (in schöner Analogie zu Heiner Müller übrigens) die Antike, die Titanen, von Cäsar bis Plinius und Tacitus. Eine Vergangenheit, die der Dichter immer wieder mit der gegenwärtigen Befindlichkeit in Verbindung bringt. Heraus kommt heute freilich nach dem Verlust der Utopien allenfalls Lagerfeld: «Rom: Offene Stadt Ein Feldlager / Auf dem Laufsteg defiliert die Mode / der Jahrtausendwende Panzerhemden / Für den Beischlaf».
Man mag sich über solches, von Braun möglicherweise ernst gemeintes Geplänkel amüsieren. Wichtiger scheinen autobiographische Notate wie das vom 6. 5. 1996, ein Nachdenken über die sterbende Mutter: «Leben in dem ausgemergelten Körper, der Schmerz / Krümmte sie in ihre letzte Gestalt, sie hatte / Einen Moment den Mut verloren und war müde geworden / Gelegenheit, sie ruhigzustellen».
Fein gedrechselt, im rhythmischen Gleich- und Feinmass kommen die Gedichte daher. Einzig im Ton mag sich Braun mitunter vergreifen der Ekel vor der spätkapitalistischen Konsum-Gleichgültigkeit der beginnenden Berliner Republik, der Pauschal-Trip nach Agadir, das sind kaum Themen für den hohen Ton. Braun ist hier eher Chronist der Zustände. Vor dem Absturz aber bewahrt ihn denn doch seine altbewährte Waffe. Mit ihr hatte sich Braun einst die DDR-Wirklichkeit auf Distanz gehalten, und sie funktioniert auch hier, die gute alte Ironie.
Tilman Urbach
Kurzbeschreibung
Ein neuer Gedichtband, in dem der Autor mit großer poetischer Kraft dem Zustand unserer Welt nachfragt, an dessen Unabänderlichkeit er sich keineswegs gewöhnen mag. den Glauben an solchen Stillstand hält Braun nämlich ebenso für eine trügerische Illusion wie die Hoffnung auf einfache Lösungen. Der poetische versuch, Irrtümer und Versteinerungen abzutragen, schreibt den Texten eine ungeheure Spannung ein.