Dass dieses Buch das bisher lesenswerteste der Neuerscheinungen zum Händeljahr ist, spricht weniger für dieses Buch als gegen die Qualität der übrigen Bücher, die mehr oder weniger die üblichen biographischen Klischees aufwärmen.
Schon der Titel löst bei mir Befremden aus. Grazie bringe ich mit Händel eigentlich nicht in Verbindung. Auch seine Zeitgenossen nicht, denen Händels Musik im Vergleich zu denen Bononcinis und Hasses immer als gewichtig und schwerfällig galt.
Auch das ganze Gerede von Händels Popularität, das nicht nur in diesem Buch, sondern auch in anderen Büchern und Artikeln zum Jubiläum immer wieder aufgetischt wird, ist ein seltsames Missverständnis. Nicht nur war die italienische Oper eine vollkommen elitäre Angelegenheit, die weitgehend adeligen und wohlhabenden Subskribenten vorbehalten war und Händel galt als der anspruchsvollste unter den Opernkomponisten. Ich kann auch überhaupt nicht nachvollziehen wie man Werke wie "Orlando", "Semele" oder "Alexander Balus" als populär bezeichnen kann. Mozarts "Entführung" und "Zauberflöte" oder selbst Beethovens "Fidelio" sind in ihrem Bestreben nach Allgemeinverständlichkeit ungleich viel "populärer" angelegt als die Opern und Oratorien Händels.
Und auch der Mythos, dass Händels Oratorien eine breitere Öffentlichkeit ansprechen wollten, ist eigentlich nicht haltbar. Das Publikum der Oratorien, die in denselben Theatern wie zuvor die Opern aufgeführt wurden, war weitgehend dasselbe wie in den Opern. Und die Tatsache, dass Händel die Preise mit Einführung der Oratorien stark erhöht hat, spricht nicht gerade für eine Öffnung für ein breiteres Publikum.
Otts Behauptung, Händel habe sich mit den Oratorien von der Konzentration auf die Sänger und der da capo Arie abgewandt, ist schlicht sachlich nicht haltbar. Die Oratorien sind ebenso auf die Sänger zugeschnitten wie vorher die Opern. Die Strada oder Francesina, die vorher in "Alcina" oder "Serse" die Stars waren, wirkten auch in den Hauptrollen der Oratorien mit. Und die da capo Arie dominiert auch in allen Oratorien (die einzige echte Ausnahme ist "Israel in Egypt").
Trotz allem macht es durchaus Spass, dieses Buch zu lesen, reißt es doch eine ganze Menge interessanter Aspekte an und kann mit einer beachtlichen Fülle an Zitaten und ästhetischen Apercus punkten. Allerdings ist das wenigste davon wirklich "verdaut". Vieles bleibt irgendwie in der Luft hängen oder wird etwas allzu bedenkenlos in Beziehung gesetzt. Für einige vergnügt angeregte Lesestunden ist es jedoch allemal zu empfehlen.
Obwohl Ott Händels Werk offensichtlich gut kennt, erscheint sein Bild von ihm trotz allem etwas oberflächlich. Und den größten Vorwurf, den man ihm machen muss, ist der, dass er trotz allen zeitgeschichtlichen und ästhetischen Überlegungen, die er anstellt, an die Musik mit einem subjektiv heutigen Blick rangeht. Statt ständig das oberflächliche Starsystem und das Mechanistische der da capo Arie zu geißeln, sollte er vielleicht auch mal überlegen, warum sich von den Hörern damals niemand über die da capo Arie beschwerte und ob die Begeisterung, die namentlich die Kastratenstars wie Senesino oder Cusanino auslösten wirklich so oberflächlich war, wie sich Ott das offensichlich vorstellt.
Allen, die gerade so gönnerhaft über die Oberflächlichkeit der Musik Händels schreiben, sollte zu denken geben, warum ausgerechnet Beethoven, dem alles oberflächliche ein Gräuel war und dem sogar Mozarts "Cosi fan tutte" zu frivol war, Händel (und nicht etwa Bach) für den größten Komponisten aller Zeiten hielt.
Goehte sagte, dass eigentlich nur der, der selbst bedeutend ist, eine bedeutende künstlerische Persönlichkeit wirklich würdigen könne. Im Fall Händel erscheint es so, als seien alle, die sich bisher mit Händel beschäftigt haben, einfach ein paar Nummern zu klein, um die Bedeutung Händels wirklich erkennen zu können.