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Tugend und Gerechtigkeit: Eine konstruktive Darstellung des praktischen Denkens
 
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Tugend und Gerechtigkeit: Eine konstruktive Darstellung des praktischen Denkens [Taschenbuch]

Onora O'Neill


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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Warum Gerechtigkeit nicht ausreicht

Onora O'Neill revidiert den Universalismus

Bei flüchtigem Hinsehen mag es scheinen, als habe die Moderne die Tugenden in den Ruhestand geschickt. Wo sie einmal für das gelingende Zusammenleben einstanden, sind Institutionen eingerichtet worden, die auch ohne sie auszukommen versprechen. Die Altenpflegeeinrichtungen ersparen den Kindern die Fürsorge, die Versicherungen den Empfängern die Voraussicht, die Gesetze den Richtern die Weisheit. Freilich erkennt man bei genauerer Betrachtung, dass die öffentliche Gewalt die persönlichen Tugenden nicht überflüssig macht. In den letzten Jahren hat sich daher eine vor allem an Aristoteles anknüpfende Kritik der Einseitigkeit des «institutionellen Standpunktes» geregt, die nicht mehr die Begriffe des Rechten und der Gerechtigkeit, sondern die des Guten und der Tugend ins Zentrum rückt.

Diese Kritik hat sich überwiegend als Gegenentwurf, nicht als Ergänzung zu den universalistischen Theorien institutioneller Gerechtigkeit verstanden – und so konnte es dazu kommen, dass die praktische Philosophie der letzten Jahrzehnte in zwei unversöhnte Lager zerfallen ist. Onora O'Neill ist mit ihrem neuen Buch angetreten, dieser unbefriedigenden Lage ein Ende zu machen und die praktische Vernunft wieder auf ganze Ration zu setzen: Denn Tugend und Gerechtigkeit sind nach ihr nicht konkurrierende, sondern komplementäre Begriffe.

Die Pflicht ruft

Für die polemische Halbierung praktischer Philosophie zeichnet nach O'Neill vor allem ein Versäumnis der Universalisten verantwortlich. Einer nur scheinbar harmlosen Strategie folgend, habe man Pflichten im universalistischen Lager nur insofern beachtet, als sie sich aus entsprechenden Anrechten ergäben. Dadurch sei der Tugendbegriff, der die Symmetrie von Rechten und Pflichten durchbreche, aus dem Blickfeld geraten. Die entstandene Lücke fülle das Tugenddenken der partikularistisch ausgerichteten Aristoteliker – nach O'Neill allerdings auf unzureichende Weise. Denn Tugenden seien ebensowenig etwas lediglich Partikulares wie Rechte etwas lediglich Universelles. Beide, so lautet O'Neills aus Kantischen Quellen schöpfender Vorschlag, seien Ausdruck sowohl von universellen als auch von speziellen Pflichten: Wo die Erfüllung dieser Pflichten anderen geschuldet werde, spreche man von Rechten, wo sie ausserhalb von Schuldverhältnissen stehen, von Tugenden.

Der Versuch, Tugenden in ein universalistisches Verständnis praktischer Vernunft einzubeziehen, stellt O'Neill vor die Aufgabe, einige traditionsreiche Bedenken gegen den Universalismus auszuräumen. Seit den Tagen Kants ist immer wieder behauptet worden, dass der Universalismus zur Uniformität aller Handlungen führen müsse. Universelle Prinzipien erstickten, worauf es im moralischen Handeln gerade ankomme: den Sinn für die Unvergleichlichkeit des Einzelnen. Sie führten notwendigerweise zu einem «moralischen Gulag der Gebote». Verstärkung erhält dieser betagte Einwand gegen die Prinzipienethik durch Argumente Ludwig Wittgensteins, die den Begriff des Regelfolgens insgesamt fragwürdig erscheinen lassen.

Beide Bedenken, merkt O'Neill bündig an, beruhten auf einer Verwechslung. Ob ein Prinzip uniformes Handeln gebiete, hänge nicht von seiner Form, sondern von seinem Inhalt ab. «Jeder sollte nach seiner Leistungsfähigkeit besteuert werden!» sei ein universales Prinzip, aber es verlange gerade nicht, Ungleiches gleich zu behandeln. Die an Wittgenstein anschliessende Kritik hingegen, «dass Regeln uns nicht sagen, was wir tun sollen, und dass den Regeln Unbestimmtheit anhaftet, ist zwar richtig, zeigt aber nicht, dass wir keine Regeln verwenden». Sie zeige vielmehr nur, was schon Kant wusste (und ohne weiteres zugestand): dass es zu der Anwendung einer Regel der Urteilskraft bedürfe. Nicht die universalen Regeln beherrschen die Handelnden; vielmehr beherrschen die Handelnden universale Regeln.

Prinzipien für alle

Weit weniger überzeugend als ihre Verteidigung des Universalismus ist O'Neills Beitrag zu der Streitfrage, wie die Grenzen moralischer Achtung zu markieren seien. Sie hat sich in den letzten Jahren vor allem im Zusammenhang tierrechtlicher und medizinethischer Fragen entzündet und ist überwiegend als Debatte über «Merkmale», wie Personalität oder Leidensfähigkeit, geführt worden. O'Neill hält diese Diskussion für eine Sackgasse und schlägt vor, es einmal mit einem konstruktiven Verfahren zu versuchen. Statt das Problem als ein theoretisches zu formulieren (z. B.: Welche Wesen zählen zu den Personen?), solle man es als ein praktisches begreifen. Ihr scheint, dass im Handeln selbst der Massstab schon enthalten sei, um die Reichweite moralischer Beachtung abzuschätzen.

Wenn nämlich jedes Handeln Annahmen über «Pluralität» (es gibt andere, die in Mitleidenschaft gezogen werden), «Verbundenheit» (man steht mit diesen anderen tatsächlich in Wechselwirkung) und «Endlichkeit» (diese anderen sind endliche Wesen) einschliesse, dann sei es widersprüchlich, wenn man sie beim Nachdenken über die Reichweite der moralischen Achtung und Beachtung bestreite.

O'Neills Versuche, die Überlegenheit ihres Vorschlages gegenüber den «endlosen und ergebnislosen Streitigkeiten» über allgemeine Kriterien des moralischen Status zu erweisen, wirken ziemlich umständlich. Insbesondere kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass ihr die «metaphysischen Annahmen», die sie am Anfang des Kapitels vor die Tür gesetzt hat, durch das Fenster wieder in den Gedankengang hineinsteigen. Und wenn am Ende die Überlegungen auf einen «kontingenten und annäherungsweisen Kosmopolitismus» hinauslaufen und – um mit O'Neills Hausautor (I. Kant) zu reden – die moralische Beachtung von allem gefordert wird, was in der Welt (entfernte Fremde, Protoakteure), ja auch ausserhalb derselben zu denken möglich ist (zukünftige Generationen), dann fragt man sich, ob das Ergebnis nicht auch billiger zu haben gewesen wäre.

In den letzten beiden Kapiteln des Buches schliesslich entwickelt O'Neill den systematischen Zusammenhang zwischen Tugend und Gerechtigkeit, um den es ihr im wesentlichen zu tun war. Das «inklusive Prinzip» der Gerechtigkeit fordere von allen Personen, grundlose und systematische Schädigungen anderer abzulehnen. Doch es reiche nicht aus, den Ansprüchen der Gerechtigkeit zu genügen, und zwar aus zweierlei Gründen. Zum einen vermöchten allein Tugenden dem Leben die gewünschte Einheit und Regelmässigkeit zu verleihen: «Ohne einige ganz allgemeine, inklusive Charakterzüge kann (. . .) die Stabilität der Psyche (. . .) verlorengehen. Inklusive Tugendprinzipien sind ebenso wenig entbehrlich wie inklusive Prinzipien der Gerechtigkeit.»

Zum anderen sei ein Leben, das von grundlosen und systematischen Schädigungen verschont bleibt, nicht schon ein gutes Leben. In dieser Lesart kann O'Neill der Kritik am Atomismus des Rechtsstandpunktes mit seinem «abstrakten», «autonomen Selbst» durchaus etwas abgewinnen. Im Gegensatz zu diesen Kunstgeschöpfen bedürften reale Menschen nämlich der Zuwendung und der Solidarität. Diese könnten nur durch Gebote der Tugend gestiftet werden, die den Rechtsstandpunkt überschritten, aber aus einem analogen universalistischen Schlussverfahren folgten. So wenig man Schädigung als allgemeines Prinzip wollen könne, so wenig auch Achtlosigkeit und Gleichgültigkeit. Beide, Tugend und Gerechtigkeit, seien nötig, um die Bedingungen zu gewähren, unter denen sich menschlich leben lässt.

Einige Bemerkungen zur Ausgabe: Was auch immer im einzelnen der Autorin, dem Verlag oder der Übersetzung in Rechnung zu stellen ist: Formulierungen wie «Die engere Perspektive kann (. . .) unseren Blickwinkel in ausschlaggebender Weise einengen» sollten in keinem Falle erst den Endabnehmern des Buches ins Auge stechen. Die Angaben im Literaturverzeichnis sind teilweise unstimmig oder unvollständig (Titelvertauschung, fehlende Seitenangaben, falsche Erscheinungsdaten), die Textverweise sind fehlerhaft, einige Absätze scheinen beim Korrekturlesen schlicht übersehen worden zu sein, so dass sich insgesamt die Vermutung aufdrängt, alle Beteiligten hätten unter übermässigem Druck gearbeitet.

Onora O'Neill hat ein Buch mit einer erwägenswerten systematischen Idee geschrieben. Der Text der deutschen Ausgabe, den der Akademie-Verlag in der als Einführungsreihe gedachten «Edition Philosophie» präsentiert, bietet jedoch eine ziemlich zähe Lektüre. Er taugt nur für jene wundersamen Wesen, die auch, ohne Lust zu haben, lesen.

Michael Schefczyk

Kurzbeschreibung

Onora O′Neills shows that justice and virtue need not necessarily contradict one another and that, by means of a carefully conceived plot, an analysis (which is illuminating also in respect of its content) can be made of these apparently contradictory terms of departure without their having to be shored up by some kind of metaphysical foundation.

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