Mike Oldfield ist genial. Er ist sozusagen zur Genialität verdammt. Das muß man erwarten von einem, der mit 17 Jahren das wohl bekannteste Instrumentalalbum schrieb und auf fast allen Instrumenten aufnahm? "Tubular Bells" hieß das Werk und war gleichzeitig die Geburtsstunde des Virgin-Labels. Der Schatten von Tubular Bells verfolgte Oldfield fast 20 Jahre lang, ehe er sich entschied, dem Klassiker einen Nachfolger hinterherzuschieben. Allein für diese Absicht erntete er harsche Kritik. Nur selten kam Lob für das umstrittene Werk. Und in der Tat geriet es etwas zu bunt, ja manchmal regelrecht überladen. Und was macht Oldfield jetzt? Schon seit Ende '97 war klar, daß es einen 3. Teil geben würde. Das machte doch vielen wieder Sorgen. Alles nur kommerzielle Gründe, sagen die einen. Künstlerische Bankrotterklärung, sagen die anderen. Viele rechneten mit einer Dancefloor-Version des Instrumental-Klassikers. Aber Tubular Bells III ist viel, viel mehr. Erstmals hört man einen Dancebeat, soweit erfüllt sich ein kleiner Teil der Befürchtungen. Allerdings ist der der Platte eher zuträglich. Außerdem fällt auf, das thematische Parallelen wie beim zweiten Teil völlig fehlen. War „Tubular Bells II" nur eine Neuaufnahme, so ist „Tubular Bells III" auf jeden Fall eine musikalische Weiterentwicklung. Die Geschichte der Tubular Bells wird neu erzählt oder meinetwegen auch weitererzählt, das kann man sehen wie man will. Die ersten beiden Stücke, vor allem „The Source of Secrets", bestechen durch eine neue Leichtigkeit, die man bei Oldfield lange vermißte, zu groß war stets der künstlerische Druck. Die erste Überraschung erfährt der Hörer bei „Outcast", das man schon fast als Hard-Rock bezeichnen kann. Oldfield wird musikalisch immer flexibler. Ein Stück wie „The Inner Child" läßt den Hörer wieder in gewohnter Oldfield-Manier wegschweben, allerdings um einige Klassen besser, als auf den letzten Alben. „Man in the Rain" ist die zweite große Überraschung. Ein Vocal-Track auf einem Tubular Bells-Album. Das unterstreicht aber auch, daß Oldfield nach neuen Ideen für sein Konzept suchte. Und „Man in the Rain" hört sich gut an, der beste Oldfield-Song seit „Moonlight Shadow". Doch irgendwann fällt einem auf, daß „Man in the Rain" im Grunde genommen ein Verschnitt von „Moonlight Shadow" ist. Egal, gut ist eben gut. Es folgt Oldfields beste Piano-Ballade überhaupt: „The Top of the Morning". Einfach anhören und genießen. Bei „Secrets" wiederholt sich das Anfangsthema, allerdings anders arrangiert, ehe das Album mit „Far above the Clouds" ein fulminantes Finale erlebt. Und endlich, darauf wartete man: Die Tubular Bells kommen zum Einsatz. Eine Kinderstimme erzählt vielleicht Oldfields eigene Musikgeschichte mit einem Satz: "And the Man in the Rain picked up his Bag of Secrets and journeyed up the Mountainside, far above the Clouds, and nothing was ever heared of him again, except for the Sounds of Tubular Bells." Treffender kann man Oldfields musikalischen Kult und gleichzeitig seine persönliche Misere nicht beschreiben. Der Song endet mit einigen Gitarrensoli, ehe Vogelgezwitscher die Platte zu einem würdevollen wie beeindruckenden Ende führt.
Unglaublich beeindruckt fällt man in den Sessel zurück und weiß gar nicht, was da gerade passiert ist. 25 Jahre ist Oldfield sich selbst hinterhergelaufen, baute das Tubular Bells-Thema immer wieder in seine Alben ein (1983,1992,1995), bis er scheinbar erkannte, das Tubular Bells wesentlich mehr sein muß, als diese paar Akkorde auf dem Klavier gespielt und die Aufzählung und das Spielen abstrakter Instrumente wie zum Beispiel das Glockenspiel. Tubular Bells III ist keine Neuauflage, schon gar nicht eine billige Kopie des 72er Klassikers. Im Gegenteil, es steht für sich selbst. Oldfield legt eine nie erwartete Vielfalt an den Tag. Er scheut sich nicht mehr vor (sparsamen) Einsatz eines Dancebeats oder vor übermäßigem Einsatz von Gitarren. Er ist regelrecht unberechenbar geworden. Er ist wie nur ganz wenige außer ihm völlig außerhalb der Szene, die musikalisch in ist. Er ist er selbst und irgendwie auch nicht. Mike Oldfield gelang etwas ganz außergewöhnliches: Er hat den gleichen Titel zum vierten Mal benutzt (inklusive Orchestral TB), und sich dennoch nicht in die musikalische Bedeutungslosigkeit begeben (wie zum Beispiel Chicago mit ihren Alben 14, 15, 16 usw.). Tubular Bells III ist groß, ganz groß, größer als das meiste des Jahres 98. Vielleicht sogar größer als sein Großvater von 1972. Part III kratzt am Klassiker. Genial bis zum Anwinken. Unberechenbar fesselnd. Im Booklet steht: „Terrible, wonderful, crazy, perfect, Mike Oldfield 1998" Genau!