"Tschipo" ist, soweit ich weiss, das allererste Buch mit mehr als 100 Seiten, welches ich in meinen Kindertagen gelesen habe. Im Vorwort spricht der Autor persönlich die Leser an und schreibt, er könne so gut Geschichten erzählen, dass man mit der Zeit vergisst, ob es diesen Tschipo wirklich gegeben hat oder nicht und man nur noch lesen oder hören will, was ihm alles passiert ist. Ein Autor muss sich seiner selbst wirklich unheimlich sicher sein, um dies zu behaupten! Aber schon wenn man wenige Seiten weiterliest und langsam in die Handlung hineingleitet, zeigt sich, dass er diese Lorbeeren tatsächlich verdient hat. Die Geschichte ist klar und kurz erzählt, ohne viel drumherum. Unsinnige Landschaftsbeschreibungen oder aufgeplustertes TamTam, wie man es so oft in Erwachsenenbüchern erlebt, die von Autoren geschrieben sind, die vermutlich ein starkes Persönlichkeitsproblem haben, lässt Franz Hohler einfach weg. Schon dies verdient den Titel "Kinderbuch". Des Weiteren schafft der Autor eine Welt in der die Phantasie des Kindes nicht nur angesprochen, sondern auch regelrecht aktiviert wird! Heute, 15 Jahre später, habe ich das Buch beim Aufräumen des Dachbodens unter meinen alten Kindersachen wieder gefunden und es erneut gelesen. Es ist bemerkenswert, wie viele Erinnerungen plötzlich wieder präsent sind und wie bekannt einem die Welt von Tschipo doch vorkommt, die man in Kindertagen schon einmal besucht hat und nun als Erwachsener wieder entdeckt. Gleichzeitig macht es einem aber auch schmerzlich bewusst, wie viel wir auf dem Weg zum Erwachsenensein, in einer karriereorientierten Leistungsgesellschaft, von unserer kindlichen Unbeschwertheit und Phanstasie, den magischen Zauberwelten und geheimnisvollen Orten, die sich Kinder erträumen, verlieren.