"Ich dachte, dass es Schlimmeres gab als eine Alkoholikerin als Mutter. Ich dachte daran, dass es jetzt nicht mehr lange dauern würde, bis ich Tschick in seinem Heim besuchen konnte, und ich dachte an Isas Brief. Auch an Horst Fricke und sein Carpe Diem musste ich denken. Ich dachte an das Gewitter über dem Weizenfeld, an Pflegeschwester Hanna und den Geruch von grauem Linoleum. Ich dachte, dass ich das alles ohne Tschick nie erlebt hätte in diesem Sommer und dass er ein toller Sommer gewesen war, der beste Sommer von allen, und an all das dachte ich, während wir da die Luft anhielten und durch das silberne Schillern und die Blasen hindurch nach oben guckten, wo sich zwei Uniformen ratlos über die Wasseroberfläche beugten und in einer stummen, fernen Sprache miteinander redeten..."
Diese zitierte Stelle, kommt ziemlich am Ende des Buches, und zeigt überdeutlich, welch talentierten und sprachbegabten jungen Schriftsteller hier wir vor uns haben, dem ich persönlich nur gratulieren kann und dem man ein grosses schriftstellerisches Potential anmerkt. Eine Jugendstory, von 2 Jugendlichen, Tschick (Abk. für Andrey Tschichatschow) und Maik Klingenberg, die etwa 14 Jahre alt sind. Sie leben in Berlin, gehen zusammen in die Schule freunden sich an, tauschen sich aus, bis sie sich irgendwann mit einem gestohlenen Auto, einem Lada, das Tschick geklaut hat, auf eine Abenteuerfahrt machen, wo sie so manchens erleben, von dem das zitierte Intro hier erzählt. Ein unglaublich warm geschriebenes Buch, das über eine Jugendfreundschaft zweier Jungs erzählt, von dem was sie erleben und teilen. Man fühlt sich selbst an die eigene Jugend zurückgeführt und erinnert so manche kostbare Momente, jener einzigartigen Zeit..
In einer frischen, frechen, manchmal auch vulgären Umgangssprache, erzählt uns hier ein mir bis dato unbekannter Autor, das Innenleben, heutiger berliner Jugendlicher. Es erzählt vom Verliebtsein, oder dem was es ev. schwierig macht, was junge Leute heute beschäftigt, wie sie denken und reden, und dem, wenn sie ausbrechen wollen, um etwas zu erleben, auch wenn es gegen die Regeln verstösst. Ein Buch, das einem ein Lächeln auf das Gesicht zaubert, und man irgendwann nicht mehr anders kann, als nur noch laut hinauszulachen, weil man alles so urkomisch und lustig findet! Herrndorf, zeichnet das Bild von Jugendlichen, das von Unschuld und Lebensneugier zeugt, lässt sie in ihrer Sprache auftreten, so authentisch, wir nur möglich, gibt dem Ganzen einen Sprachwitz und Humor, wo man sich köstlich unterhalten fühlt. Es ist süss, es ist hinreissend, es ist lustig, und trotz allem hat dieses Buch Charme, weil es so frisch geschrieben ist...
Fazit: Ein überaus lesenswerter Unterhaltungsroman, der zwar sprachlich keine höchste Ansprüche stellt, aber einen guten Unterhaltungswert hat, leicht und flüssig zu lesen ist, und Lachmomente vorprogrammiert sind, die einen freuen und beglücken. Für mich eine kleine Überraschung, über das Erwachsenwerden, und dem was junge Menschen im Teenie-Alter beschäftigt. Ob auch Jugendliche daran Interesse haben dürften, wird sich erst noch zeigen. Ich zumindest habe mich köstlich amüsiert, wenn man mal vom Bindefehler der Druckerei absieht, denn ab Seite 128 beginnt meine Buch wieder auf S. 97! (Es fehlen 31 Seiten) Beim Versuch, das Buch umzutauschen, hatte das Buch in der Buchhandlung den selben Bindefehler. Kann ja mal passieren, Wolfgang Herrndorf, kann ganz sicher nichts dafür, denn sein neuer Roman ist so brilliant und unterhaltend zum Lachen lustig geschrieben, dass man ihn gerne, nein sehr gerne weiterempfiehlt...
2002 ist von Wolfgang Herrndorf (geb. 1965 in Hamburg) sein Debutroman
In Plüschgewittern erschienen, sowie 2007 der Erzählband
Diesseits des Van-Allen-Gürtels. Er studierte ursprünglich Malerei, und hat für den Haffmanns Verlag als Illustrator sowie für die Zeitschrift "Titanic" gezeichnet und gearbeitet. 2004 hat hat er am Ingeborg Bachmann-Preis teilgenommen, wo er den Kelagpreis erhielt, 2008 erhielt er den neu gestifteten Deutschen Erzählerpreis, für Diesseits des Van-Allen Gürtels.
Nachbemerkung / Anmerkung zu den Kommentaren:
Zu meiner Betroffenheit, habe ich erst im Nachhinein (nach dieser Rezension) erfahren, dass Wolfgang Herrndorf von einer schweren Erkrankung (Hirntumor) betroffen ist. Bei meiner Formulierung "Grosses voraussagen" (die ich entfernt habe) bin ich von dem ausgegangen, was ich an sprachlichem Talent, der Lesefreude und schriftstellerischer Begabung wahrnahm, ohne von der gesundheitlichen und ernsten Situation von Wolfgang Herrndorf zu wissen. In keiner Weise, war ich mir bewusst, wie ernst die gesundheitliche Situation des Schriftstellers ist, an dieser Stelle, mit den besten Besserungswünschen für seine gesundheitliche Situation und meiner persönlichen Anteilnahme. Es tut mir leid, wenn ich dadurch, jemanden verletzt haben sollte. Und, dass Menschen, oft von unheilbarer oder tödlicher Erkrankung, andere Menschen zum Lachen bringen, (dieses Buch tut es) ist eine menschliche Erscheinung, die jeder interpretieren möchte, wie er will, da können wir nur noch fassungslos dastehen und staunen..ich zumindest tue es, denn wir erleben, etwas in diesem Moment, was vielleicht mit Worten nicht mehr zu beschreiben ist, braucht es auch nicht, nämlich dort, wo Worte aufhören und an dessen Stelle die unmittelbare Erfahrung steht. Den Kommentatoren, dieser Rezension, danke ich für Ihre Hinweise, um diese Anmerkung noch nachträglich zu ermöglichen.
A.Zanker / 28.11.2010
Empfehlung. (Jetzt erst recht)