Dem Vorwort des Verlages folgend ist Littells Reportage "das Porträt eines ganzen Landes und der Entwicklung, die es seit Kriegsende und dem Regierungsantritt Kadyrows im Jahr 2007, aber auch seit dem Mord an der Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa genommen hat." Verfolgt man allerdings die Entstehungsgeschichte dieses Berichts, so stellt man fest, dass Littell in 2009 nur für etwa zwei Wochen (!) in Tschetschenien war und anschließend in verschiedenen europäischen Städten sowie in Moskau Gespräche mit Tschetschenen und Kennern der Szene führte. Selbst wenn man seine oft zitierte Tätigkeit in Tschetschenien in den Jahren 1996 und 1999 berücksichtigt, umfasst der letzte Aufenthalt nur einen sehr kurzen Zeitraum, um dem Anspruch eines aktuellen "Porträts" über Tschetschenien gerecht zu werden. Berücksichtigt man zudem, dass Littell seine generell optimistische Ursprungsversion des Berichts erst nach der Ermordung Estemirowas und anderen Morden gründlich korrigierte, lässt dies doch deutliche Rückschlüsse auf seine Analysefähigkeit in puncto Tschetschenien zu.
Für Kenner tschetschenischer und nordkaukasischer Verhältnisse und für eifrige Leser in dieser Richtung wird dieses Buch nur wenig Neues bereithalten. Im Gegensatz dazu bietet der Bericht allgemein politisch interessierten Lesern eine gute Momentaufnahme der tschetschenischen Verhältnisse und kann dazu beitragen, sich weiterer viertiefendender Literatur/Berichte in dieser Richtung zu widmen. In Ergänzung der landschaftlichen Beschreibungen Littells wäre es allerdings wünschenswert gewesen, das Buch mit einigen aktuellen Fotos zu versehen, zumal der Fotograf Thomas Dworzak an der Reise in Tschetschenien beteiligt war. Damit hätte das Buch an Wert gewinnen können.