"Die Repräsentanten dieser Schule [des Herrschens] predigen allen Ernstes, je mehr Bürger man vernichte, desto glücklicher würden sie sein, und desto glänzender würde vor allen Dingen die Geschichte selbst." (der russische Satiriker M. Saltykow-Schtschedrin, 19. Jahrhundert, zitiert aus dem Vorwort von Dirk Sager).
Anna Politkowskajas Bericht erschüttert den Leser nicht nur aufgrund der physischen Greuel, des Massenmords, der bei derlei Unternehmungen üblichen Folterorgien und verschiedenartigsten Bestialitäten.
Sie erzählt uns, wie einem Volk systematisch das Rückgrat gebrochen, seine Menschlichkeit genommen wurde. Die dabei eingesetzte Perfidität verrät eine Menge Phantasie. Und Übung, die bekanntlich den Meister macht. Und die fehlt in Russland leider nicht, geht mindestens auf Lenins Tscheka und Stalins NKWD zurück.
Zu sehen, wie Menschen am Anfang noch zuversichtlich und mit einem gewissen Galgenhumor der Situation trotzen. Ungewöhnlich starke Menschen, deren Eltern und Großeltern noch die große stalinistische Deportation miterlebten, bei der schätzungsweise ein Viertel der Tschetschenen umkam. Menschen, die einander solidarisch beistehen und sich offenbar generell durch ein recht hohes Maß an menschlicher Herzensbildung auszeichnen.
Doch der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Und als angesichts des fürchterlichen Terrors der russischen Besatzungstruppen langsam die Hoffnung schwindet, als Kälte, Hunger, Krankheit, Folter und Gram über den Tod der Liebsten, Freunde und auch jener moralisch Stärksten, die als Stütze dienen könnten, den Geist brechen, da beginnt ein moralischer Verfall, der Menschen, die auch wir sein könnten, schließlich zu bloßen Schemen werden lässt.
Die tschetschenischen Terroristen waren von Anfang an nützliche Instrumente Moskaus. Ein importiertes, wahabitisch-islamistisches Verhängnis, von dem die tschetschenische Bevölkerung und ihre Führung sich offen distanzierten.
Putin aber verlor keine Zeit. Als Auftakt wurde die Hauptstadt Grosny einen Monat lang (!) unter Bomben und Artilleriebeschuss gehalten. Und unversehens erstand Mütterchen Russland wieder aus der Asche, Fanal eines neues Imperiums.
Anna Politkowskaja schildert, wie der Krieg bewusst auf kleiner Flamme in die Länge gezogen wird, wie ihr immer wieder berichtet wurde, dass russische Truppen die Rebellen bewusst schonen, ihnen sogar Korridore zur Flucht öffnen, da die verschiedensten Kräfte und Gruppen von diesem Krieg profitieren.
Sie prangert bitter das Schweigen des Westens an.
Auch das beharrliche Schweigen Kofi Annans anlässlich seines Russlandbesuchs, da dieser für seine Wiederwahl im UNO-Sicherheitsrat Moskau brauchte und daher die Tschetschenen hängenließ.
Und wie die tschetschenische Barbarei auf Russland selbst übergreift, auf Moskau, wo die ohnehin fragile russische Rechtsstaatlichkeit dem Walten staatlicher Schlägertrupps weicht.
Das Ausmaß an Brutalität in diesem Krieg ist vielleicht zum einen Rache für die relative Schlappe im ersten Tschetschnienkrieg, für Afghanistan, für all die Erniedrigungen des Nationalstolzes zu Zeiten von Glasnost und Perestroika. Aber dann auch schlicht Sadismus, den man als eine der menschlichen Grundeigenschaften einmal erkannt haben sollte: die Lust am Zufügen von Leid.
Angesichts all dessen begreift man nur umso stärker den Wert menschlicher Güte, eine andere unserer Grundeigenschaften, die zwar selten, aber umso wunderbarer ist. Vor allem, wenn sie sich nicht mangels Weisheit vor den Karren fragwürdiger Ideologien spannen lässt. Und dieses Beispiel hat uns Anna Politkowskaja vorgelebt, bis sie im Oktober 2006 schließlich selber liquidiert wurde.