"... Nur dass wir unser Tschernobyl nicht einfach abstreifen können wie ein verschwitztes Hemd. Wir tragen es unter der Haut. Für immer" (Mascha aus Belarus - Name von der Autorin geändert)
Zum 25. Mal jährte sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 2011. Dieser traurige Jahrestag wurde mit zahlreichen Ausstellungen, Publikationen und Dokumentationen "gefeiert", die anlässlich des GAUs in Fukushima aktueller denn je waren. Einen Beitrag zum Thema Tschernobyl fand ich besonders gelungen: Merle Hilbks "Tschernobyl Baby", ein Buch, das über mehrere Jahre hinweg (der Berichtzeitraum reicht bis ins Jahr 2010) entstand. Die Autorin, die bereits mehrere Bücher über Russland (ich kannte bereits das Baikal-Buch) verfasst hat, hat sich über 20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in die "Zone" begeben, die sich heute in zwei Ländern befindet: Der Ukraine (dort steht der havarierte Reaktor) und Belarus - dieses Land hat es besonders schlimm getroffen, ein Viertel der Gesamtfläche wurde damals verstrahlt. Die Autorin trifft sich mit Menschen aus der Region und versucht herauszufinden, wie ihr Leben sich durch den Unfall verändert hat, wie sie damals die Katastrophe erlebten und wie sie ihr heutiges Leben gestalten. Sie geht aber auch den deutschen Ängsten nach. Warum haben wir so viel mehr Angst vor Tschernobyl als die Menschen, die dort leben? Wie haben die Menschen hierzulande die Katastrophe in der damaligen Sowjetunion erlebt? Für mich waren diese Teile auch sehr interessant, weil ich damals noch nicht in Deutschland gelebt habe und noch ein Kind war.
Hilbk berichtet von ihrem Besuch im Sperrgebiet, wie sie die Geliebte des "Reaktorbosses" beobachtet, die sich im kurzen Minirock vor dem Reaktor räkelt, genüsslich in einen verseuchten Apfel beißt etc.und sich dabei fotografieren lässt, um Aufnahmen von sich zu haben, die "cooler" sind als jede Eifelturmkulisse o.ä.
Es ist interessant zu erfahren, wie unterschiedlich die beiden Staaten Belarus und Ukraine mit ihrem schweren Erbe umgehen. Da erklärt der belarussische Staatschef Lukaschenko die Zone z.B. zum radioökologischen Schutzgebiet und tut so, als wäre jetzt alles überstanden. Die Opfer der Katastrophe, die plötzlich keine mehr ist, verlieren das Recht auf staatliche Unterstützung etc.
Was bleibt einem übrig? Nicht viel. Und während die einen Tag für Tag ums Überleben kämpfen, trinken sich die anderen ins Grab. Die Menschen sind viel zu sehr mit dem Überleben beschäftigt, um Angst zu haben. Merle Hilbk ist unterwegs mit einer jungen Belarussin, die oft zu Wort kommt. Sie wirkt schroff und doch sehr verletzlich und bringt uns die Sichtweise der Menschen in den verstrahlten belarussischen Gebieten nahe. Auch auf die Beziehungen zwischen Belarus bzw. der Ukraine und Deutschland geht die Autorin ein. Die Arbeit des Vereins "Kinder von Tschernobyl" wird zum Beispiel ausführlich thematisiert, denn dieses Projekt spielte eine wichtige Rolle nach der Reaktorkatastrophe. Wer hat all das ins Leben gerufen? Wie wehrten sich Menschen in der ehemaligen Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten gegen die staatliche Willkür? Was hat sich getan?
Merle Hilbk hat ein sehr spannendes, lehrreiches und berührendes Buch geschrieben, das ich allen empfehlen kann, die sich für das Thema interessieren. Das Buch bietet auch einen guten Einstieg in die Materie. Es zeigt eindrucksvoll auf, wie unterschiedlich man in der Ukraine und Belarus und in Deutschland mit dem Thema umgeht.
Unbedingt lesen!