Neue Zürcher Zeitung
Denken, tschechisch
rox. Der sogenannte Prager Frühling mit seinem Bemühen um einen «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» mag historisch gescheitert sein; Spuren und Quellen seines Einsatzes für Humanität und Menschenwürde lassen sich aber ohne Schwierigkeiten finden. Ein Band, der erstmals die fünf wichtigsten tschechischen Philosophen des 20. Jahrhunderts vorstellt - Ladislav Klíma, Emanuel Rádl, Jan Patocka, Václav Havel und Karel Kosík -, mag als Beleg dienen. Freilich sind grosse Unterschiede in Stil und Argumentation auszumachen: Ladislav Klíma gehört zu den polarisierenden Autoren; seine (nachgelassenen) Texte, ein wahres Sammelsurium, rufen entweder Begeisterung oder Ablehnung oder - andere Alternative - einen lauten Lacher hervor. Rádl wenigstens scheint den manierlichen Weg zum ordentlichen Philosophieren doch einmal eingeschlagen zu haben; 1919 immerhin wird er mit einer entsprechenden Professur belohnt. Zu Havel, der aus der intellektuellen Dissidenz an die Spitze des Staates gelangt, gesellen sich mit seinem Mentor und Lehrer Patocka sowie Karel Kosík zwei Philosophen, die ihren Einsatz für politische Reformen teuer zu bezahlen hatten. Der Band, mit einem informativen Nachwort von Ludger Hagedorn versehen, füllt im deutschen Sprachraum eine empfindliche Kenntnislücke. Tschechische Philosophen. Klíma, Rádl, Patocka, Havel, Kosík.
Kurzbeschreibung
Ein Querschnitt durch die tschechische Philosophie des 20. Jahrhunderts: Neben den pragmatischen Realisten und Moralphilosophen Emanuel Rádl, dem herausragenden Repräsentanten des akademischen Geisteslebens der Zwischenkriegszeit, rückt der philosophische Wüterich und Egomane Ladislav Klíma, dessen nonkonformistisches Werk lange verschwiegen wurde. Zum Dramatiker und Essayisten Václav Havel, der aus der Dissidenz an die Spitze des Staates katapultiert wurde, gesellen sich dessen Mentor Jan Patocka und Karel Kosík, zwei Philosophen von erstem Rang, die ihren Einsatz für politische Reformen teuer bezahlen mußten. Was diese Denker von »Weltruf« (Roman Jakobsen) verbindet, ist ihre Überzeugung, daß jeder philosophische Gedanke erst dann seine volle Bedeutung entfaltet, wenn er zu einer Praxis des Lebens wird.
Ladislav Klíma, »Philosophische Briefe« (1916-1922)
Emanuel Rádl, »Trost der Philosophie« (1942-1946)
Jan Patocka, »Die Sinnfrage der Epoche des Nihilismus« (1977)
Václav Havel, »Politik und Gewissen« (1984)
Karel Kosík, »Der Jüngling und der Tod« (1994)