Die Vielfalt der internationalen Schwanenseenlandschaft breitet sich mit dieser Veröffentlichung weiter aus und kann eine modernere Version gut vertragen, um damit die Verankerung des Balletts im Repertoire zu bestätigen.
Modern heißt im Falle des Züricher Schwanensees nicht, dass das Vokabular des klassischen Balletts aufgegeben worden wäre oder die Handlung wie in der Version von John Neumeier neu erzählt wurde. Der Züricher Schwanensee ist modern vor allem wegen des Bühnenbildes und der fast abstrakten Darstellungsart. Auch die musikalische Fassung, die Auswahl und Abfolge von Tchaikovskys Musik, ist nicht ganz konventionell (aber den ultimativ korrekten klassischen Schwanensee gibt es sowieso nicht).
Heinz Spoerlis Produktion wirkt auf mich ein bisschen defensiv. Anscheinend gibt es in Zürich (nicht nur da) die Ansicht, dass klassisches Ballett verstaubt und museal ist und irgendwie nicht politisch korrekt. (Schwäne und Tutus und Prinzen, wie reaktionär, und dann diese alberne Ich-Tarzan-du-Jane-Pantomime, das versteht doch heute keiner mehr.) Es sieht so aus, als wolle der Züricher Schwanensee das Ballett gegen solche Ansichten verteidigen, und man tut dies, indem man möglichst viele der potenziell peinlichen Elemente eliminiert. Das Resultat wirkt auf mich etwas trocken, die Tänzer wie Körper im Kostüm, Behauptungen, nicht Charaktere. Die Compagnie hat nach meinem Eindruck auch nicht viel Erfahrung mit dem Repertoire des 19. Jahrhunderts (im Spielplan dieser Saison sind hauptsächlich Choreographien von Spoerli neben Arbeiten von Kylián und van Manen, außerdem Raymonda).
Polina Semionova, die aus Berlin gastiert, tanzt eine elegische Odette/Odile, mit wunderbar fließenden, plastischen Bewegungen, die den ganzen Körper mitnehmen. Gut gefallen hat mir auch Siegfrieds (Stanislav Jermakov) Szene zu Beginn des dritten Aktes.
Wir sehen ein minimalistisch modernes Bühnendesign (d.h. Einheitsbühnenbild in Form von meist lichtlosen Wänden oder alternativ blaues Licht für den zweiten und vierten Akt), die Kostüme der Hofgesellschaft dagegen sind vage historisierend.
Das Ende der Schwanensee-Geschichte ist hier schön gelöst: Odette verschwindet in einem Vorhang aus "Wasser", Siegfried folgt ihr. Das ist subtiler und poetischer, als sie in den imaginären See springen oder eine kitschige Pose im Bühnenhintergrund einnehmen zu lassen, um zu demonstrieren, dass sie im Tod vereint sind.
Im Orchestergraben sitzt das sehr gute Orchester des Züricher Opernhauses, das für meinen Geschmack aber manchmal etwas zu langsam und geradlinig spielt (Leitung: Vladimir Fedoseyev).
Alles in allem finde ich, dass diese DVD vielleicht nicht jemandes erster Schwanensee sein sollte. Die Choreographie ist zwar klassisch, aber deutlich mehr Spoerli als Petipa, und der Gesamteindruck ist schon ziemlich neoklassisch-abstrakt. Andererseits mag das Zuschauern gefallen, die wirklich dachten, dass Ballett albernes anachronistisches Getue ist. Die kühle E l e g a n z der Produktion und die vielen neu gedachten und choreographierten Anteile des Balletts sind bewundernswert, aber die k ü h l e Eleganz und die dramatische Zurückhaltung haben mich nicht völlig überzeugt.