Ein Hinweis vorneweg: wer "Pique-Dame" noch nie gesehen hat und nicht kennt, sollte die Finger von dieser DVD lassen, denn Regisseur Lev Dodin inszeniert nicht das Stück, sondern stellt ein Konzept vor: die Handlung wird ausschließlich aus der Sicht des wahnsinnigen Hermann gezeigt. Allein: was interessant klingt, geht nicht auf, kann gar nicht aufgehen. Alles spielt im Irrenhaus, es gibt keine rauschenden Feste, kein Newa-Ufer, die Chöre werden von den Irrenhaus-Insassen gestellt, Lisa begeht ebensowenig wie Hermann Selbstmord usw.
Die Frage, wie legitim solche Uminterpretationen einer dramatischen Handlung sind, ist so alt wie Theaterregie selbst und kann gerne im Kommentar diskutiert werden. Im konkreten Fall bringt es so gut wie nichts, die Akzente verschieben sich und oft kann die Story dann nicht plausibel erzählt werden. Es ist ziemlich wirr und - ja, das ist eigentlich das Schlimmste - langatmig.
Wirklich schade, es hätte eine große Aufführung werden können, denn die musikalische Umsetzung ist beachtlich. Die Aufführung des Jahres 2005 (Paris, Opéra Bastille) ist ganz auf den Hermann von Vladimir Galouzine zugeschnitten, der das Inszenierungskonzept bewundernswert verinnerlicht hat. Er meistert die schwierige Partie stimmlich ausgezeichnet und zeichnet als Darsteller alle Stadien des Wahns bis hin zur Regression auf eine kindliche Debilität. Auch alle anderen halten das hohe Niveau und singen idiomatisch und wohlklingend.
Das eigentliche Ereignis der Aufführung ist für mich das Dirigat von Gennadi Roshdestvensky, einem der großen alten Männer der russischen Dirigentenschule. Von kammermusikalischen Finessen bis zum großen orchestralen Ausbruch - das famose Orchester trägt die Sänger einfühlsam auf einem Polster von Stimmungen und Melodien. Die düstere Dramatik der Vorlage, die auf der Bühne so schmerzlich abgeht,- hier wird sie fühlbar. Man kann diese DVD auch als CD verwenden und nur die musikalische Umsetzung hören: diese allein wird dem Stück gerecht.