Es gibt Werke, die müssen erlöst werden. Erlöst von ihrem Schicksal um die Weihnachtszeit herum als "Fest für die ganze Familie" auf dem Spielplan zu stehen. Dies bedeutet nämlich, daß sie stets so auf die Bühne gebracht werden müssen, wie Lischen Müller sich das vorstellt, und daß auch der konservativeste Spießbürger nicht verschreckt wird. Und so siehst es dann auch aus: langweilig und verstaubt. Dieses Schicksal teilen Werke wie die Oper "Hänsel und Gretel" und das Ballett "Schwanensee". Doch das Wunder ist geschehen: Schwanensee wurde erlöst. Nachdem Ewigkeiten die Originalchoreographie der Uraufführung von Marius Petipa wieder und wieder aufgeführt wurde, warf der englische Choreograph Matthew Bourne einen Blick auf das Werk und fragte: "Warum eigentlich immer weibliche Schwäne? Wo steht, daß die Schwäne von Frauen getanzt werden müssen? Ist ein Schwan nicht in erster Linie ein Tier? Und ein gefährliches, aggressives Tier obendrein (wer je einen Schwanenangriff erlebt hat, weiß das)? Und kann solch ein Tier nicht viel überzeugender von einem männlichen Körper dargestellt werden?" - Dieser frische, unverstellte Blick auf das Werk führte zu einer neuen Schwanensee-Produktion die inzwischen Theatergeschichte geschrieben hat. Bourne läßt sämtliche Schwäne von Männern tanzen. Und auch Tchaikovskys Musik scheint ihm Recht zu geben: das martialische Bläserthema der Schwäne paßt tatsächlich besser zum verilen Tanz von Männern. Und DEN einen Schwan, den Schwan des Prinzen, deutet Bourne als all das, was der Prinz nicht ist, aber gerne wäre: stark, mutig, frei. Diese überraschende, mutige und ganz und gar überzeugende Schwanensee-Choreographie wurde von der BBC fürs Fernsehen aufgezeichnet. Die DVD dieser Aufzeichnung ist auch als Audio-CD abspielbar, Bild und Tonqualität sind hervorragend. Unbedingt empfehlenswert!