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Tschador
 
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Tschador [Gebundene Ausgabe]

Murathan Mungan , Gerhard Meier
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

»Kompromisslos bearbeitet Murathan Mungan seine literarischen Lebensthemen: Liebe und Freiheit. Seine Sprachgewalt, aber auch sein persönlicher Mut zum Bruch mit gesellschaftlichen Konventionen verleihen ihm Unabhängigkeit und garantieren seinen Erfolg. Wer in der Türkei einen Buchladen betritt, kommt an Murathan Mungan kaum vorbei. Er erreicht Auflagen von Hunderttausend. Wer unter türkischen Popstars etwas auf sich hält, hat ein Lied von ihm vertont. Mungan jongliert mit seinen Talenten. Er scheut das Triviale nicht, und er liebt die Tiefgründigkeit.« (Sibylle Thelen, Stuttgarter Zeitung)

»Mungan ist in der Türkei ein Kultautor und mindestens so erfolgreich und bekannt wie Orhan Pamuk. Er schreibt nicht nur Literatur und Songtexte ihm sind ganze CDs gewidmet.« (Nimet Seker)

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. September 2008

"Kennen Sie Murathan Mungan? Wenn nicht, sind Sie vermutlich kein Türke. In seinem Heimatland nämlich ist Mungan seit langem ein Kultautor."

Rezension

"Der Roman Tschador, ein schmales, hochkonzentriertes und komplexes Werk, ist das minuziöse Protokoll einer Desillusionierung, im Großen wie im Kleinen. Der Popstar Mungan widersetzt sich dem Zeitgeist. Die sprachliche Intensität, mit der er das tut, wird jegliche Rhetorik ohne Schwierigkeiten überleben." Christoph Schröder

Rezension

»Mungan ist der Autor einer atemlosen Verlorenheit und zerbrechenden Gegenwart: Aus den aktuellen westeuropäischen Üblichkeiten vollkommen herausfallende betörende Mondstaub-Prosa.« Iris Radisch

Werbetext

»Mungan verliert keine überflüssigen Worte, er vertraut der Kraft seiner Bilder, die treffend und genau sind wie Symbole.« Verena Mayer

taz - die tageszeitung, 15.10.2008

»Von Haus aus ist Mungan Lyriker, bei kaum einem Autor klingt die türkische Sprache so fein und elegant wie bei ihm. Die Novelle Tschador vermittelt dank der hervorragenden Übersetzung von Gerhard Meier ein gutes Bild davon.« Tobias Völker

arte online, 16.9.2008

»Tschador ist eines der ungewöhnlichsten Bücher, die wohl bisher aus dem Türkischen übersetzt wurden.« Jörg Plath

Kurzbeschreibung

Ein junger Mann namens Akbhar kehrt nach Jahren des Exils in sein Heimatland zurück. Ängstlich, aber auch von Hoffnung getrieben, begibt er sich auf die Suche nach den Menschen, die er einst geliebt und in seinem Herzen aufbewahrt hat: die Mutter, die Schwester, seine Geliebte. Ein neues Regime ist an der Macht, das Land ist sichtbar vom Krieg zerstört, er erkennt es kaum wieder. Die Orte der Kindheit und Jugend scheinen unauffindbar zu sein. So irrt Akbhar von Tür zu Tür, von Stadt zu Stadt. Was ihn am meisten beunruhigt, ist der Anblick der Frauen, deren Gesichter hinter einem Tschador versteckt sind - so als wäre damit die "Hälfte des Lebens" ausgelöscht, wie er sagt. "Ich kann zwar nicht lesen", sagt Akbhars Fahrer zu Beginn der Reise, "aber Menschengesichter sind für mich Geschriebenes." LESEPROBE Obwohl sich in der Ferne die kahlen Berge zum Verzweifeln ähnlich sehen, die niedrigen Hügel denkbar fahl wirken, der Sand zu fast gleich hohen Dünen zusammengeweht ist und die staubige Sonne alles, was er bisher gesehen hat, mit der gleichen Ungerührtheit versengt, fühlt Akhbar doch, dass er seinem Land näher kommt, dass es nicht mehr weit bis zur Grenze ist, doch nicht an vertrauten Wegzeichen erkennt er das, sondern an Untiefen seines Herzens, an die er nicht einmal eine Erinnerung hat. Die Hitze hat die beiden eingelullt. Schon lange reden sie nicht mehr und lauschen nur noch auf den Weg, auf die Sonnenglut, auf die Wüste, der sie mal näher, mal ferner sind. Was sie einander zu sagen hatten, war schnell verbraucht, bald hatten sie gar kein Bedürfnis mehr zu sprechen. Um sich vor dem scharfen, heißen Wüstenwind zu schützen, halten sie die Autofenster dicht geschlossen, und der Blick durch die sandige Verschleierung verrät Akhbar nichts darüber, woran sie gerade vorbeiziehen, wohin sie gerade fahren. Es ist ein altes, hochbeiniges Auto mit gewaltigen Reifenprofilen und offener Ladefläche; wo Lack abgesprungen war, hatte man in diversesten Farben ausgebessert. Unterwegs mussten sie unzählige Male anhalten. An kühlen Orten schöpften sie Kraft. Als Akhbar den Schweiß bemerkt, der dem Fahrer von der Stirn bis zum Hals rinnt, fällt ihm selbst wieder ein, die Hand zum Gesicht zu führen. Er weiß, dass man es irgendwann aufgibt, sich den Schweiß abzuwischen. Mit dem dünnen Seidenstoff seines gelben, mit weißen Fäden durchwirkten Turbans wischt er sich Gesicht und Kopf ab, wickelt sich dann den Turban wieder um und zieht ihn fest. Er reibt sich das Gesicht, um sich zu erfrischen. Der Fahrer nimmt diese Vorbereitungen wahr und sagt lächelnd, als wolle er sie gutheißen: "Wir sind bald an der Grenze." Trotz der dicken, violetten Lippen und der vielen Zahnlücken ist es ein gutes Lächeln. Es weckt keine dunklen Gefühle in einem. Akhbar lächelt zurück. Als am Horizont die ersten Anzeichen für die Grenze sichtbar werden, spürt Akhbar, wie vertrocknet seine Lippen sind, und führt die Feldflasche zum Mund. Da fällt ihm ein, dass er höflichkeitshalber zuerst den Fahrer hätte fragen müssen. "Willst du auch etwas?" Der Fahrer schüttelt den Kopf. Hatte die Grenze aus der Ferne lediglich als Ansammlung einzelner Gebäude gewirkt, so bemerkt Akhbar nun, dass sie viel befestigter ist, als er gedacht hätte. Er sieht elektrischen Stacheldraht, kleine Erdhaufen, unter denen sich Minen vermuten lassen, Wachtürme, Gräben, Schutzwälle und in breiten Löchern je eine zimmergroße Hütte, deren Zweck sich nicht erschließt. Zwar hofft er, mit seinem neuen Pass und den sonstigen Papieren, die er zigmal überprüft hat, wird es an der Grenze keine Schwierigkeiten geben, doch wacht in ihm dennoch eine Furcht. Sie wird von dem genährt, was ihm in der Ferne zu Ohren kam, von Zeitungsberichten und Flüchtlingserzählungen, und nicht zuletzt von der Wahrscheinlichkeit, dass sein Pech, dem er schon so oft in die Falle ging, ihm wieder einen Streich spielen würde. Würde es nicht Argwohn erregen, dass er nach so vielen Jahren in die Heimat zurückwollte? Würden die Behörden ihm das nicht negativ auslegen und versuchen, ihn mit absurden Fragen, auf die er keine Antwort wüsste, in die Enge zu treiben? Ihn tröstet allein, dass er das Land lange vor dem Regierungssturz verlassen hat und seiner Rückkehr nichts Politisches anhaftet. Das würden sie vermutlich wissen. So gründlich und leidenschaftlich, wie sie die Grenze bewachten, wussten sie es sogar bestimmt. Akhbar ist jemand geworden, der sich in nichts mehr einmischt, nie. Der Fahrer sieht ihm seine Befürchtungen an. "Du sorgst dich ganz umsonst. Es passiert nichts, du wirst sehen. Ich fahre mindestens fünf Mal pro Woche hier durch. Es ist alles nicht mehr so streng wie früher. Lügen entstehen, wenn jeder der Wahrheit etwas hinzufügt." Akhbar wäre gern sicher, dass diese Worte nicht nur seiner Beruhigung dienen sollen. An der Grenze werden sie angehalten. Der Fahrer steigt aus und wird von den Soldaten wie ein alter Bekannter gegrüßt. Akhbar gewinnt ein Stück Sicherheit zurück. Es waren also nicht leere Worte gewesen, als der Fahrer gesagt hatte: "Ich bringe dich sicher über die Grenze." Im Schatten des Wachgebäudes unterhalten sich die Soldaten und der Fahrer; es ist ihnen nicht anzusehen, worüber. Von ihren Gesichtern, ihrer ganzen Haltung geht eine nichtssagende Normalität aus, die schon fast einstudiert wirkt. Dann holen sie Akhbar zu sich und treten ins Innere des Gebäudes. Außer dem entnervenden Quietschen des Deckenventilators mit seinen riesigen Flügeln ist nichts zu hören. Hinter einem Tisch sitzt ein hochrangiger Militär, dem versteinerte Abscheu ins Gesicht geschrieben steht, und sieht lange schweigend und ungläubig Akhbars Papiere durch. Als wolle er sein Gegenüber in eine Falle locken, sieht er manchmal ruckartig auf und richtet bohrende Blicke auf Akhbars Gesicht, wie um darin Antworten zu suchen, die in den Papieren nicht zu finden sind. Offensichtlich wägt er ab, was die Wahl dieses wenig benutzten Grenzübergangs zu bedeuten hat. Wie unschuldige Menschen es in solchen Fällen oft tun, wendet Akhbar mit schuldigem Blick das Gesicht ab. Aus diesem Blick spricht die Furcht, man werde zu Unrecht als Opfer auserkoren... Als sie wieder ins Auto steigen, fühlt Akhbar sich unendlich leicht. Die Furcht so vieler Jahre ist plötzlich verflogen. Den fern der Heimat verbrachten Nächten ist ein Morgen geworden. Ein Aufwachen in vertrauten Armen nach einem Alptraum. Er denkt, der restliche Teil der Reise wird nun viel schneller vergehen. Plötzlich merkt er, dass er sogar die Hitze vergessen hat. Die nicht unbeträchtliche Summe, die er dem Fahrer gezahlt hat, war also verdient. "Warum haben sie deine Papiere nicht verlangt?" fragt er ihn. "Wie gesagt, ich komme hier mindestens fünf Mal pro Woche durch. Die kennen mich inzwischen besser, als meine Mutter mich kennt. Was sollen sie mich da nach Papieren fragen? Sie wissen, daß ich nichts Unrechtes tue. Menschenschmuggel ist viel lukrativer, aber das habe ich kein einziges Mal gemacht. Man weiß nie, wann man dabei verliert. Ich mache nichts, was mir Scherereien bringt." "Warum hast du mir dann geglaubt? Ich hätte dich doch anlügen können." "Ich kann zwar nicht lesen, aber ich kenne Buchstaben, und da ich meine Buchstaben kenne, verstehe ich Geschriebenes. Menschengesichter sind für mich Geschriebenes." Über Akhbars Gesicht fährt ein Zucken. Sie schweigen wieder lange. Nach einer Weile sehen sie ein massives, wie eine alte Festung von hohen Mauern umgebenes Bauwerk auftauchen, das anscheinend aus mehreren miteinander verbundenen Gebäuden besteht. Es sieht unheimlich aus, furchteinflößend, wie eine Märchenburg, in der gute Menschen von Bösewichten festgehalten werden. "Was ist das?" fragte Akhbar erstaunt. "Sie nennen es Sammelpunkt. Es ist sowohl Gericht als auch Gefängnis und Lager. Ein Ort für verschiedenerlei Zwecke. Hierher werden Illegale, Verbrecher und Schmuggler verbracht. Und dann geschieht, was eben geschieht." Soldaten, die auf der Höhe der Anlage Posten stehen, bedeuten ihnen schon von weitem, langsamer zu fahren. Als sie sich im Schritttempo nähern, äugen die Soldaten misstrauisch ins Wageninnere und winken sie schließlich durch. Das Auto beschleunigt wieder. Wie eine Halluzination taucht kurz danach am Straßenrand ein Mann auf. Er hat trotz der Hitze nur ein leichtes Tuch auf dem Kopf, geht geschäftigen Schrittes dahin und redet dabei mit sich selbst. Der Fahrer sieht Akhbar in das neugierig-besorgte Gesicht. "Er hat den Verstand verloren", sagt er dann. "Er geht diesen Weg jeden Tag. Ob Sommer oder Winter geht er Tag für Tag von der Stadt bis zu dem Sammelpunkt vorhin und dann wieder zurück." Mit einem Blick erheischt Akhbar vom Fahrer eine Erklärung. "Soll ich dir seine Geschichte erzählen?" fragt der Fahrer. "Natürlich." "Bis vor kurzem war der Mann noch glücklich. Er hatte eine schöne junge Frau, eine gute Arbeit und ein geordnetes Leben. Eines Tages fuhr er mit seiner Frau in die Nachbarstadt, um seine Schwiegereltern zu besuchen. Ein paar Tage später, auf dem Rückweg, gerieten sie in eine Straßenkontrolle des Militärs, und es stellte sich heraus, dass sie ihre Heiratsurkunde nicht dabei hatten. Da sie nicht beweisen konnten, verheiratet zu sein, glaubten ihnen die Soldaten nicht und behaupteten, die Frau könne eine der polizeilich gesuchten Prostituierten sein. So wurden die beiden festgenommen und zu jenem Sammelpunkt gebracht, denn der Mann konnte die Soldaten nicht überzeugen. Am Sammelpunkt wurden sie einem Schnellrichter vorgeführt. Im Hof des Gerichts wimmelte es von Menschen, die man aus den verschiedensten Gründen von überallher versammelt hatte. Es waren steckbrieflich Gesuchte dabei, Schmuggler, Prostituierte, Diebe, Grenzverletzer... Schließlich wurde der Mann mit der Auflage freigelassen, er solle seine Heiratsurkunde holen; seine Frau wurde inzwischen dabehalten. Der Mann fuhr so schnell wie möglich nach Hause, schnappte sich die Urkunde und raste wieder zum Sammelpunkt zurück, doch als er dort ankam, fand er seine Frau nicht mehr vor, und nicht nur sie war weg, auch alle anderen...

Der Verlag über das Buch

Murathan Mungan gehört zu den wenigen bedeutenden Erzählern, die von Intellektuellen genauso geliebt werden wie von einer breiten Leserschaft. Seinen Stoff schöpft er aus dem urbanen Alltag, aber auch aus orientalischen Legenden. Poesie und Politik, Realität und Traum, Tradition und Moderne sind bei ihm untrennbar miteinander verbunden.

Über den Autor

AUTOR Murathan Mungan 1955 in Istanbul geboren, wuchs in Mardin im Osten der Türkei auf. Heute lebt als Schriftsteller in Istanbul, wo er wie ein Popstar verehrt wird. Sein umfangreiches Werk umfasst Theaterstücke, Essays, Gedichte, Erzählungen und Romane. In seinen Büchern verbindet er die Mythologie des Orients mit der Gegenwart, die Tradition mit der Moderne. Mungan bekennt sich offen zum Schwulsein. ÜBERSETZER Gerhard Meier geboren 1957, studierte in München Romanistik. Seit 1986 lebt er in Südfrankreich, wo er als Übersetzer aus dem Französischen (Amin Maalouf, Jules Verne, Jacques Attali) und Türkischen (Hasan Ali Toptas, Orhan Pamuk, Murat Uyurkulak) tätig ist.
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