Unbekannt war er nicht mehr, dieser musikalisch bzw. spieltechnisch überaus versierte englische Gitarrist, als diese Platte im Frühjahr 1968 heraus kam, wenngleich die Yardbirds gar so berühmt und erfolgreich leider wieder auch nicht waren. Was auch daran lag, dass sie das Publikum nicht immer so leicht einordnen konnte: Waren sie nun Pop/Beat (For Your Love, Evil Hearted You, Shapes Of Things), doch noch Rhythm & Blues (mit Eric Clapton in ihrer Frühphase) oder schon Psychedelic (ihre 1966er-Aufnahmen mit Jeff Beck plus Jimmy Page)? Irgendwie alles, und dieser experimentierfreudige Gitarrist prägte ihren Sound zu jener Zeit enorm. Aber er strebte nach Höherem. Hitproduzent Mickie Most auch – die Singles "Tallyman" und "Love Is Blue", auf dieser CD-Edition u. a. als Bonustracks enthalten, sprechen davon Bände, und es sind nicht musikalische Qualitäten, die sie so interessant machen, sondern der dokumentarische Wert ist es, der hier zeigt, was ein großer Musiker so fabrizieren muss, wenn ihn ein Produzent so richtig gängelt. Gab und gibt es auch noch lange nach 1967.
Aber derselbe Mickie Most ließ es auch zu, dass sein Stargitarrist eine feste Band formierte, und mit dieser eine ganze Langspielplatte aufnahm. Am Schlagzeug saß Micky Waller, weder ein John Bonham noch ein Keith Moon, aber doch ein starker, technisch versierter Rockdrummer. Die Bassgitarre bediente ein gewisser Ron Wood, solide und wuchtig, und dann hatte die Gruppe noch einen Mann am Mikro, einen Schotten namens Rod Stewart, und ab ging die Post. Ihr Album nahmen sie im Frühjahr 1968 in vier Tagen auf.
Der Opener "Shapes Of Things" war dann gleich wie eine Einladung, diese Aufnahme mit der zwei Jahre davor veröffentlichten Yardbirds-Version zu vergleichen: Bei der Vorgängergruppe eine flotte Uptempo-Beatnummer, hier nun eine – für damalige Hörgewohnheiten! – hammerharte Stakkatonummer, die durch krachende Drums, ein donnerndes Riff und vor allem durch eine scharfe und laute, zugleich aber elektronisch herumschwirrende Gitarre bestimmt war. Es klang, als hätten sich The Who mit der Jimi Hendrix Experience gekreuzt, und anschließend noch Cream zu dieser Session hinzugesellt, aber dabei Rod Stewart singen lassen. Der nicht lange, aber das Stück stark prägende schnelle Teil ungefähr in der Mitte dieses dreiminütigen Songs deutete schon an, was man später mal Speed Metal nennen sollte. Der zweite Track wurde von Rod Stewart geschrieben und stellte dessen Shouter-Kompetenz noch stärker unter Beweis: "Let Me Love You" war seinerzeit ausgesprochen harter Bluesrock, die Gitarre kommt im simplen Riff überaus kräftig her. Das dritte Stück war dann eine der sieben Coverversionen dieses Albums (die restlichen drei Stücke stammten von Rod Stewart), Tim Roses gewaltiges "Morning Dew": Ruhiger Beginn mit schottischen Bagpipes im ferneren Hintergrund, steigert sich die Nummer zu einem balladesken Drama, das besonders durch Rod Stewarts leidenschaftlichen Gesang und durch die Klang- und Effektvielfalt des Gitarrenspiels lebt. Was Jeff Beck hier an Effekten heraus lässt, wie er mit dem Wah-Wah-Pedal, der Fuzzbox und wohl einigen weiteren Geräten spielt, war damals außergewöhnlich, und das Großartige daran ist, dass es zu keinem einzigen Takt zur Effekthascherei oder Technikspielerei wird, und auch nicht (die nachfolgende Rockgeschichte wird diesbezüglich unzählige Beispiele liefern) dazu dient, das mangelnde Spieltalent eines Gitarristen zu kaschieren. Er war schon 1966 nachweislich einer der beiden einzigen – der andere war natürlich Jimi Hendrix – Gitarristen in der angloamerikanischen Rockszene, von denen derartiges behauptet werden konnte, und ich halte es für eine kleine Tragödie der britischen Rockgeschichte zwischen 1966 und 1968, dass Truth nicht schon ein Jahr früher aufgenommen und veröffentlicht wurde. Bei aller Größe, die Jimi Hendrix beizumessen ist: Wenn "Truth" zeitgleich mit "Are You Experienced?" erschienen wäre (und Jeff wäre dazu ein Jahr früher schon reif gewesen, der Rest der Gruppe auch), hätte es im Frühjahr 1967 einen Doppel-Urknall in Sachen E-Gitarre und Elektronik in der Rockmusik gegeben! Was nicht heißt, dass Truth zu spät gekommen wäre, in Bezug auf knallharten Bluesrock kam die Platte noch früh genug. Was auch der vierte Track "You Shook Me" zeigt, ein zweieinhalbminütiges Blues-Rock-Inferno. Dass es "Truth" nicht an Abwechslungsreichtum mangelte, zeigen gleich die beiden nächsten Tracks: "Ol’ Man River" ist wie "Morning Dew" eine langsame Nummer, gesanglich wie instrumental einmal mehr eine Meisterleistung, und wie Jeff Beck hier seine Gitarre schwirren und singen lässt, ist seitdem ungezählte Male kopiert worden. "Greensleeves" ist eine schöne, kurze und akustische Version dieses englischen Folk-Traditionals, und nach dieser instrumentalen Ruhepause steht wieder Blues-Rock am Programm: "Rock My Plimsoul" sowie "Blues De Luxe" sind zwei Rod Stewart-Songs, wo Jeff Becks Gitarre konventioneller klingt, ihn man aber immer noch aus einem Haufen Blues-Rock-Gitarristen heraus hören könnte, und beide Songs überragen noch immer fast alles, was die meisten britischen Blues-Rock-Bands der Spätsechziger so heraus brachten. Zwischen beiden Tracks liegt eine Instrumentalnummer, die bereits 1966 aufgenommen worden war, und zu den absoluten Höhepunkten dieses Albums zählt, nämlich das von Jimi Page geschriebene "Beck’s Bolero": Ein simples, aber ungemein einprägsames Thema wird von der Gitarre über knapp drei Minuten variiert, mit Breaks und Rhythmuswechseln, die damals noch überaus ungewöhnlich waren, am Schlagzeug war bei diesem Track einer der nicht nur seinerzeit, sondern in der gesamten Rockgeschichte größten Drummer: Keith Moon (der aus rechtlichen Gründen aber seine Mitwirkung verheimlichen musste). Bleibt die Schlussnummer: "I Ain’t Superstitious" ist – wie "You Shook Me" – ein Song von Willie Dixon, und hat an Härte, Tempo und meisterhaft zelebrierter Gitarrenelektronik alles zu bieten, was vor rund 45 Jahren möglich war. Eine der brilliantesten Aufnahmen im gesamten Songkatalog des britischen Blues-Rocks der Spätsechziger, und eines der wegbereitenden Stücke zu dem, was man schon ein Jahr später Heavy Rock, und ein paar weitere Jahre später Metal nennen sollte.
Aber das alles gilt im Prinzip für das gesamte Album, mit dessen 2005er-Remastering ich auch zufrieden bin, und dessen Bonustracks ich als interessante Abrundung betrachte. "Truth" ist ein Meilenstein und eines der allerbesten Debütalben der Rockgeschichte, und wenn Jeff Beck seit über vierzig Jahren zu den besten und wichtigsten Rockgitarristen der Welt gezählt wird, so ist das – bei aller Würdigung seiner Beiträge bei den Yardbirds einerseits, und so mancher späterer großer Alben andererseits – in erster Linie auf diese Platte zurückzuführen. That’s the truth, folks!