In den unendlichen Weiten des Internets lassen sich heutzutage immer leichter Verbrechen begehen. Egal, ob Wirtschaftskriminalität, Pornografie oder Missbrauch, dem kranken und verwerflichen Tun anonymer Scharlatane und Verbrecher sind angesichts der unzähligen Betrugsmöglichkeiten, die das Internet bietet, kaum Grenzen gesetzt. Einem besonders heiklen Aspekt dieses noch relativ jungen Verbrechenszweiges hat sich Regisseur und Schauspieler David Schwimmer (der "Ross" aus "Friends") in seiner sechsten Regiearbeit gewidmet. Doch ebenso wie sein nur mäßig gelungener Film "Run Fatboy Run" ist auch "Trust" kein sonderlich ausgereiftes Werk, welches mit unzähligen Längen und einer zwar realistischen, aber dennoch diffusen Geschichte zu kämpfen hat.
Ausstattung: Ton in deutsch und englisch in DD 5.1, deutsch auch in DTS, Untertitel in deutsch, deutscher und englischer Trailer des Films, Making-of, Interviews, Behind the Scenes und Outtakes.
Die 14jährige Annie (Liana Liberato, "Trespass") ist ein ganz normaler Teenager, der sich online sozialer Netzwerke so selbstverständlich bedient wie er sich morgens die Zähne putzt. Mit ihren Eltern Lynn (Catherine Keener, "An American Crime") und Will (Clive Owen, "Children of Men") versteht sie sich gut, auch wenn sie ein wenig darunter leidet, wie wenig Zeit besonders Papa Will für sie hat. Ihr älterer Bruder steht kurz vor dem Beginn seines ersten Collegejahres, so dass Annie bald allein mit ihren Eltern zu Hause ist. Und offensichtlich kompensiert sie ihre partielle Einsamkeit und ihre pubertären Ängste und Unsicherheiten damit, mit ihrem Online-Freund "Charlie" zu chatten. Denn der versteht ihre Sorgen bestens und kann sich prima in sie hineinversetzen. Komisch ist nur, dass Charlie nicht zu einem Video-Chat bereit ist und ihr auch keine Fotos von sich schicken kann. Irgendwann beichtet er Annie, dass er ein wenig älter ist als die 16 Jahre, die er Annie anfangs genannt hat, nämlich 20. Dieses Alter korrigiert er dann noch einmal auf 25, doch Annie stimmt irgendwann trotz des großen Altersunterschiedes und Charlies Lügen einem Treffen zu. Und dabei stellt sich heraus, dass "Charlie" 35 Jahre alt ist und ihr zum ersten Date sexy Unterwäsche mitgebracht hat. Aus Unerfahrenheit und falsch verstandener Höflichkeit passiert das Unglaubliche, mit dem sich dann auch Annies Eltern konfrontiert sehen. Das Leiden der Familie beginnt und reißt sie alle immer tiefer in einen Strudel aus Angst, Empörung, Wut, Schmerz und bitteren Wahrheiten. Jeder geht anders mit dem Geschehenen um, aber es gelingt ihnen nicht, ihr Leid gemeinsam zu tragen. Werden sie es dennoch schaffen, irgendwann damit fertig zu werden?
David Schwimmer wandelt unsicher auf den hier selbst gewählten Pfaden Familiendrama und Missbrauchsthematik. So realistisch und nachvollziehbar der Film auch sein mag, er weiß einfach nicht zu fesseln und echtes Mitleid zu erwecken. Ob das daran liegt, dass man sich als Erwachsener nicht unbedingt in die ganz eigene Welt eines Teenager einfühlen kann, oder daran, dass Liana Liberatos Annie kein sonderlich sympathisches Mädchen ist, weiß ich nicht. Oft jedenfalls wirkt sie mürrisch, aufmüpfig, unhöflich und manchmal wirklich so naiv, dass es kaum noch glaubwürdig erscheint. Ihre Motivation, mit einem Mann, der mehr als 20 Jahre älter ist als sie, mitzugehen, bleibt rätselhaft, da die emotionale Vernachlässigung durch die Eltern nicht so dramatisch ist, als dass dies nachvollziehbar wäre.
Auch das Rollenverhalten der Eltern ist bedauerlicherweise recht plakativ geraten: die Mutter versucht, die seelischen Wunden ihrer Tochter irgendwie zu heilen und durch Trost und Verständnis für sie da zu sein. Annies Vater hingegen übernimmt den typisch männlichen Part und macht sich daran, die Wurzel allen Übels zu finden, nämlich den Täter, an dem er seine nachvollziehbaren Rachegelüste ausleben kann. Sekundiert werden diese drei Protagonisten von bekümmerten Verwandten, einem relativ blassen Wolf im Schafspelz und stoisch vorgehenden Polizisten und Psychologen. Es wäre schön gewesen, wenn Schwimmer hier etwas nonkonformer vorgegangen wäre, z. B. die Mutter zum Rachegott erkoren hätte oder dem Täter mehr ambivalentes Profil verliehen hätte. So bleiben die Figuren trotz aller Tragik, die ihnen innewohnt, oft blass und unzugänglich. Das mag allerdings auch am Drehbuch der noch unerfahrenen Autoren liegen, die hier erst ihr erstes bzw. zweites Script abgeliefert haben.
Der Versuch, die Hilflosigkeit und Wut der Eltern zu visualisieren, ist Schwimmer jedoch gut gelungen. Die Fassungslosigkeit über das Treiben ihrer Tochter, aber auch Mitleid, Fürsorge und Entsetzen sind den Eltern in fast jeder Szene des Films ins Gesicht geschrieben. Und manchmal wünscht man sich sogar, man könnte ihre Schmerzen lindern. Doch Geschehenes kann nicht mehr negiert werden und fast droht die Familie an den Auswirkungen des Verbrechens endgültig zu zerbrechen. Leider wird dieses Zerbrechen in nicht enden wollenden Einstellungen immer wieder thematisiert und Schwimmer variiert dabei lediglich zwischen herausgebrüllter Wut und lähmender Verzweiflung. Das Scheitern bei der versuchten Rückkehr zur Normalität beginnt den Zuschauer irgendwann zu deprimieren, überhaupt ist "Trust" ein unsagbar deprimierender Film, denn er bietet einem weder Linderung noch Gerechtigkeit an. Satte 106 Minuten ist man diesem zähen, niederschmetternden Familiendrama, das auch ein Thriller sein möchte, ausgesetzt. Thrill stellt sich allerdings zu keinem Zeitpunkt ein, der Spannungsbogen bleibt schlaff und bedauerlicherweise kommen einem die Figuren kaum nahe.
"Trust" ist der Versuch der Schilderung eines Missbrauchs und dessen elementaren Auswirkungen auf eine ganze Familie. Vernachlässigung, Naivität und einfach das Vorhandensein des Mediums Internet führen hier zu einer Verkettung höchst unglücklicher Umstände, wie sie auf der ganzen Welt wahrscheinlich tausendfach geschehen. Das ist entsetzlich, erschreckend und grausam, aber Schwimmer gelingt es mit seinem Film nicht, einem die ganze Brisanz und Tragik dieser Thematik nahezubringen. Die Darsteller spielen zwar überzeugend, dennoch wird man nicht wirklich warm mit ihnen oder findet sie sonderlich sympathisch. Darüber hinaus ist Schwimmers Timing lausig, so dass sein Film oft zur Geduldsprobe gerät und man diesem Elend irgendwann einfach nur noch entkommen möchte. Eine weniger schablonenhafte Herangehensweise und aussagekräftigere Szenen und Abläufe hätte "Trust" bitter nötig gehabt. So bleibt nicht mehr als ein langatmiger Film über ein betrübliches Thema, der hier sowohl Schauspieltalente als auch Brisanz verschenkt. Somit leider nicht mehr als zwei von fünf leichtfertigen Chats, die schreckliche Konsequenzen haben können.