Für gewöhnlich mag ich keine Erzählungen. Sie schubsen den Leser in ein Geschehnis, das er nicht kennt und entlassen ihn oft so früh, dass er keine Schlüsse aus der erlebten Geschichte ziehen kann.
Bei den 20 Erzählungen von Truman Capote ist das anders. Die Geschichten ereignen sich mit einer solchen Deutlichkeit vor dem geistlichen Auge des Lesers, dass er ganz in der Rolle des Beobachters einer zufälligen Begebenheit fällt. Capote eröffnet Welten, die jeder schon einmal hinterfragt haben dürfte: Was geschieht in der Wohnung der schrulligen Nachbarin, die nie ein Wort spricht? Wie verhält sich jemand, der sich abseits der Zivilisation fühlt, wenn er auf einmal auf Menschen trifft? Was für eine Unterhaltung führt ein Räuber, kurz bevor sein Gegenüber überfällt?
Jede Erzählung zeigt ein anderes Leben und auch wenn nicht alle nicht gleichermaßen zugänglich sind, befriedigt Capote doch mit jeder Erzählung die Neugier des Beobachtenden. Begeisterte Capote-Leser werden die Kulisse der Südstaaten, sowie Großstädten wie New York wiedererkennen; Neuzugängern bietet diese Buch die ideale Gelegenheit, um sich von der Sprachkunst und der Ideenvielfalt Truman Capotes zu überzeugen.