Es gibt kaum eine literarische Figur, deren Kontur derart stark durch ihre filmische Umsetzung fixiert wurde wie die Gestalt von Holy Golightly in der Darstellung der feenhaften Audrey Hepburn. Es gibt aber auch nur wenige Bücher, deren Tendenz und Stimmung durch ihre Verfilmung derart verfälscht wurden wie Truman Capotes Meisterwerk "Frühstück bei Tiffany". Nichts gegen den Film, der als ein etwas seichtes Märchen für Erwachsene mit Recht seinen weltweiten Erfolg einfuhr. Aber das Buch erzählt eben eine ganz andere Geschichte. Ist Holy Golightly im Film eine kapriziöse, vollkommen asexuelle und romantische Prinzessin, die sich am Ende zur Freude des Zuschauers in ihren Nachbarn, den jungen Schriftsteller, verliebt, so erscheint sie im Buch als eine kühl kalkulierende Lebedame, die sich von ihren Liebhabern aushalten und nichts anbrennen läßt - und die durchaus weiß, dass sie von Sally Tomato und seiner Drogenorganisation als eine Art Kurier benutzt wird. Der im Film von George Sheppard gespielte smarte Schriftsteller figuriert in dem Buch nur als ein Trabant am Rande des Golightlyschen Sonnensystems, aus dessen Perspektive der Leser die Geschichte erlebt. Der fette Dandy Rusty Trawler mit seinem "Babypopogesicht", der etwas feige brasilianische Diplomat Jose Ybarra-Jaegar, die giftige Mag Wildwood, der spitzohrigen und im Grunde warmherzige O.J., der der in Hollywood vagabundierenden Holy erst einmal Stil und Manieren beibrachte - sie und andere bilden das Personal einer brillant erzählten und nur vordergründig heiteren Geschichte, die ihren Tiefgang hinter Symbolen und Andeutungen verbirgt. Was mein Vorrezensent Thomas Reuter in seiner ganz ausgezeichneten Besprechung über Stil und Erzählhaltung des Buches berichtet, kann ich nur unterschreiben.
Wie aber muss man die Hauptfigur verstehen? Mein persönlicher Schlüssel zum Verständnis von Holy Golighly - das wird die Literaturkritik verblüffen - ist Holys rotgetigerter Kater. Nicht nur, dass er wie seine Herrin aus ungeklärten und katastrophalen Verhältnissen stammt, sondern so, wie er aussieht ("wie ein furchtloser und notfalls bedenkenloser Pirat"), ist er eine Verkörperung der Goightlyschen Charakterzüge Und als Holy den armen Kater am Ende des Buches aus dem Auto wirft, da geschieht ihm das gleiche, wie es ihr gerade mit ihrem schönen brasilianischen Galan widerfahren ist. Sogar ein verstecktes Happy-end kann man an der Figur des Katers identifizieren - denn so wie es der ausgesetzte Kater wider alle Wahrscheinlichkeit doch noch schafft, wieder in einem behaglichen Heim Fuß zu fassen, so könnte es doch auch Holy gelingen, irgendwo in der Welt zur Ruhe zu kommen - und sei es nur "in einer afrikanischen Hütte". (S. 108)
Das ist aber leider nur die eine, die freundliche Variante. Capotes Leben selbst hat die tragische Alternative verwirklicht. Denn vielleicht, so mutmaßte der gute O.J. über Holy und ihresgleichen, endet die zweifelhafte Heldin des Buches auch irgendwo als Selbstmörderin mit einer Überdosis Schlaftabletten (S. 32). Wie Truman Capote selbst, der am 25. August 1984 an einer Überdosis Tabletten verstarb, und der, wenn man es von heute aus betrachtet, seiner eigenen gefährdeten Persönlichkeit in Gestalt der Holy Golightly schon in jungen Jahren ein Denkmal setzte.