Ein großartiger Roman, ein legendäres Buch des amerikanischen Wunderkindes Truman Capote. Er hat schon als sechzehnjähriger Junge angefangen zu schreiben zu trinken und zu koksen. Er selber hat eine ganz traurige Jugend gehabt. Dieses jetzt wieder bei dem kleinen Verlag Kain und Aber aufgelegte Buch "Andere Stimmen, andere Räume" wird als sein Erstling gehandelt, es ist in weiten Teilen autobiographisch.
Zum Plot: Nach dem Tod seiner Mutter soll der 13 jährige Joel Knox zu seinem ihm bisher völlig unbekannten Vater ziehen. Er kommt schließlich in einem riesigen, verfallenen Anwesen im Bundesstaat Alabama, im amerikanischen Niemandsland, an. Dort trifft er auf seine Stiefmutter Miss Amy und seinen sittenlosen Cousin Randolph. Von seinem Vater fehlt zunächst jede Spur, er wird verleugnet, liegt am Ende irgendwo todkrank in einer Ecke, ist eigentlich nur noch ein lebendes Wrack. Joel muss ihn füttern, um ihn am Leben erhalten zu können.
Joel überkommt ein existenzielles, tiefes Verlassenheitsgefühl. Es geht eigentlich darum Nichts" zu sein, alleine zu sein. Und in seiner Verzweiflung verliebt er sich in den Vetter Randolph. Wir erfahren, wie Joel mit seiner Sexualität umgeht, wie er sich in Dolores, ein junges Mädchen in der Nachbarschaft, verliebt. Wir erleben wie die überhaupt nicht vorhandenen Grenzen ausgelotet werden. Und dieser Joel tendiert einmal zum Schwulen, einmal zu diesem Mädchen Dolores, die ihren Verhaltensformen nach ein Junge ist. All diese Protagonisten haben eine ganz und gar geschlechtliche Ungesichertheit und machen eigentlich überhaupt keinen Identitätsfindungsprozess durch. In der unglaublichen Sehnsucht jemanden zu finden, zersetzten diese Figuren die bestehende Geschlechterordnung,hinterlassen ein Chaos.
Der Autor nimmt auf der einen Seite, mit den durch das Haus geisternden Gespenstern, mit diesen mysteriösen Gespenstergeschichten, eine damals etablierte, ganz konventionelle Erzählweise auf und fädelt auf der anderen Seite progressiv entworfene Geschlechterbilder ein. Das Buch ist voller Gespenster und Horrorszenen. Und bei all den Liebesproben, lässt Capote, und das ist so hinreißend, "unfeste Zonen" zwischen den Geschlechtern offen.
Was mich beeindruckt hat, ist dieses stupende Vertrauen in die Beschreibbarkeit der Welt, wie er mit einer journalistischen Genauigkeit der Sprache, eine geheimnisvolle Atmosphäre schafft, die Leute beschreibt, die Landschaft, den Weg, die Fahrzeuge, unterschiedlichste Naturereignisse. Es ist eine geniale, aus der subjektiven Empfindung kommende Sprache, die mit ihrer magischen Aufbereitung der Welt,alles beseelen kann. Es gibt acht Personen und keinerlei Paarbildung, auch das ist interessant und revolutionär für einen Text aus dem Jahr 1948.
Ein unheimlich bewegendes Buch über Verlassenheit und Einsamkeit, sentimental, sehr weich, sehr vorsichtig geschrieben, aus der subjektiven Wahrnehmung eines jungen Menschen, der sich auf der Suche nach seiner Existenz auf einer fast leeren Bühne bewegt. Es ist ein Buch das darüber hinaus ausgesprochen atmosphärisch arbeitet, es ist rasant und ganz spannend geschrieben, in einer perfekten Meisterschaft, die geradezu phantastisch und revolutionär ist. Ich empfehle dieses Buch mit Nachdruck und Leidenschaft aus vielen Gründen.