Aus der Amazon.de-Redaktion
Doch das Äußere allein macht noch kein Meisterwerk. Hervorragend ist vor allem der Inhalt. In ausführlichen Gesprächen mit Hitchcock, die dieser Band wiedergibt, hinterfragt Truffaut das gesamte Lebenswerk des großen britischen Thrillerregisseurs. Da Truffaut selbst Filmemacher war, ging es ihm hier besonders um die filmischen Aspekte, Hitchcocks Privatleben bleibt eher eine Randerscheinung. So erfährt man jede Menge Details über Dreharbeiten oder Hintergedanken Hitchcocks bei bestimmten Einstellungen. Und das über jeden bedeutenden Film seiner nicht gerade kurzen Karriere, egal ob Die Vögel oder Psycho. Und trotz der Gesprächsform bleibt das Buch dabei immer eine fesselnde Lektüre. Zusätzlich zu den früheren deutschen Auflagen enthält dieser Prachtband auch erstmals nachträglich eingefügte Ansichten Truffauts über Hitchcocks in der Erstauflage unberücksichtigtes Werk zwischen den Interviews und seinem Tod 1980. Damit präsentiert sich das Buch jetzt als abgeschlossene Reflexion von Hitchcocks Gesamtwerk.
Man kann jedem Filminteressierten nur empfehlen, sich dieses Werk ins Buchregal zu stellen. Schöner und informativer kann ein Filmbuch kaum sein, egal ob man Hitchcock mag oder nicht -- aber wie kann man Hitchcocks Filme schon nicht mögen? --Joachim Hohwieler
Neue Zürcher Zeitung
Zur neuen deutschen Ausgabe
von Truffauts Hitchcock-Buch
maf. Als François Truffaut am 13. August 1962 mit seiner Freundin und Übersetzerin Helen G. Scott vom French Film Office New York in Universal City in Hollywood eintraf, war Hitchcock in der Endmontage von «The Birds». Sein glühender Verehrer war gerade dreissig Jahre alt und hatte sich mit drei Spielfilmen in drei Jahren schon selbst einen Namen gemacht. Der Meister, damals 63, steckte mit Drehbuchautor Evan Hunter schon tief in den Vorbereitungen zu «Marnie», seinem 49. Film. Trotzdem liess er sich eine Woche lang auf den Interview-Marathon von 500 Fragen und 36 Stunden Redezeit ein.
Hitchcock, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, nachdem «Psycho» zu seinem grössten Publikumserfolg geworden war, mag schon an die Nachwelt gedacht haben; geplagt haben muss ihn aber auch, dass ihm die amerikanische Kritikerzunft immer noch die verdiente Anerkennung verwehrte. Heute ist es kaum mehr vorstellbar, aber 1958 schrieb gar ein so ehrwürdiges Magazin wie «The New Yorker» über «Vertigo», dass sein Regisseur «noch nie einen so weit hergeholten Unsinn verzapft» habe. In Frankreich war bereits 1956 das legendäre Hitchcock-Sonderheft der «Cahiers du Cinéma» erschienen, und Hitchcock war einer der Stützpfeiler der Autorentheorie. Truffaut meinte, dass ihm seine lukrative Fernsehserie «Alfred Hitchcock Presents» bei der seriösen Kritik sehr geschadet habe. Gewiss spielte aber auch das tiefsitzende Vorurteil eine Rolle, dass der Thriller zum B-Genre gehöre das hatte Hitchcock auch oft genug Besetzungsprobleme bereitet.
Zum Hitchcock-Jubiläum liegt nun endlich die «édition définitive» und damit die vollständige Ausgabe des vielleicht legendärsten Filmbuches der Filmgeschichte auch in deutscher Sprache vor. Der von Robert Fischer herausgegebene und nicht nur mit zahlreichen Stand- und Sequenzphotos, sondern auch mit unbekannten Hitchcock-Dokumenten liebevoll angereicherte, prächtige Bildband ersetzt die griffige und weiterhin erhältliche Taschenbuchausgabe. Zusätzlich enthält er das von Truffaut 1983 hinzugefügte 16. Kapitel, das Hitchcock bis zum Ende begleitet. Heute ist das Buch ein unschätzbares und noch immer spannend zu lesendes Dokument, das mit seiner konsequenten Formanalyse die Filmkritik revolutionierte. Aus der historischen Distanz werden jedoch die Unzulänglichkeiten Truffauts sichtbar, der zeitlebens die Psychologie unterschätzte.
Kurzbeschreibung
Dieses Buch, 1966 erstmals erschienen, hörte ursprünglich mit 'Torn Curtain' (Der zerrissene Vorhang), dem fünfzigsten Film Alfred Hitchcocks auf. Doch die Freundschaft zwischen Truffaut und Hitchcock dauerte an und intensivierte sich, ihr Dialog setzte sich in zahllosen Gesprächen und Briefen weiter fort. Daher war es Truffaut 1983 möglich, das Buch zu ergänzen und abzuschließen. Die vorliegende vollständige Ausgabe, die mit 15jähriger Verspätung endlich auch auf deutsch erscheint, enthält eine neue Einleitung,