Ja, so muss der Westen wohl ausgesehen haben. "True Grit" begeistert mich daher vorwiegend durch die unglaublich authentisch wirkende Ausstattung, bei der bis ins kleinste Detail alles perfekt die damalige Zeit atmet. Ob es die Kleidung ist, die rauhen Gestalten mit ungewaschenen Gesichtern, die Waffen oder vieles anderes: so kennt man es aus historischen Büchern und fast ist es so, als lässt "True Grit" einen dieser Folianten wieder lebendig werden. Cowboyhüte sehen nicht nach Bonanza aus, Colts rotieren nicht um den Finger sondern sind sackschwere Schieß-Eisen, Frauen sind ungeschminkt, auch die Guten haben schlechte Zähne und statt wilder Hetzjagden über die Prärie beherrschen lange, ruhige Ritte den Tag. Und auch die Story von "True Grit" hat genau so viel Gewaltanteil, lässt sich für ihre Entwicklung genau so viel Zeit, wie es für den realen Alltag im Westen realistisch erscheint. Der eher sporadischen Anwendung von Gewalt gehen weite Wege und Überlegungen voraus, es wird nicht eben mal schnell irgendwo hingeritten und herumgeballert. Sehr angenehm zu sehen, wie hier lobenswerterweise auf sämtliche Western-Stereotype und -Klischees verzichtet wurde zugunsten des authentischen Abbildes einer Epoche. Dafür fünf Sterne!
Dieselbe Zahl verdienen die Akteure, ob Haupt- oder Nebenrolle. Da ist kein Part dabei, der schlecht besetzt oder unglaubwürdig gespielt ist. Besonders klasse ist Jeff Bridges als abgehalfterter Marshal mit vom Wetter gegerbten Gesicht und vom Leben gezeichneten Äußeren. Kaum besser als die Gauner, die er jagt, erinnern seine trockenen Sprüche so manches mal an den "Dude" und man merkt spätestens dann, dass dies ein Film der großartigen Coen-Brüder ist. Wenn auch ohne die gewohnten skurrilen Momente und durch die vorgegebene Anlehnung an eine Romanvorlage weniger schräg experimentell wirkend, mehr auf das Dokumentarische bedacht. Ganz ohne deja vu geht es aber dann doch nicht ab, ähnelt der dicke Cowboy in der Hütte doch prägnant einem aus "The Big Lebovsky" bekannten Bowlingspieler ("mark it zero").
Weitere fünf Sterne verdienen die erstklassige Kameraführung mit wunderschönen Landschaftstotalen und Innenraumaufnahmen sowie das knackig scharfe Bild, durch das man sich an vielen kleinen Details von Kleidung, Waffen usw. erfreuen kann. Der Ton ist auch ohne Tadel, wenn er auch aufgrund nicht vorhandener Effektorgien dezent im Hintergrund bleibt.
Warum dann aber letztlich nur drei Sterne? Weil der Vorteil der Geschichte, sich Zeit zu nehmen und authentisch statt actiongeladen daherzukommen, auch ihr Nachteil ist. Sie hat ihre Längen und wird manchmal gar fast ein wenig langweilig. Was in 110 Minuten Handlung passiert, lässt sich in zwanzig Sekunden zusammenfassen und ist auch nicht so spannend dargeboten, dass man ständig mitfiebert, wie es weitergeht. Alles hat seinen ruhigen Fluss, baut sich ohne Hektik auf, kumuliert nur am Ende einmal in so etwas wie einen Showdown. Ein wenig mehr "Pfeffer" hier und da hätte dem Film meines Erachtens in diesem Punkt gut getan, ein paar spannenden Höhepunkte mehr in der Filmmitte wären zuträglich gewesen. So scheint alles eher etwas dahin zu plätschern und der Quotient "Action pro Filmminute" fällt halt sehr gering aus. Nun ja, aber so war er wohl, der wilde Westen, dessen Alltag sicher auch voller gar nicht so wilder Stunden war. Ob die fehlende Dramatik nun gut oder schlecht ist für die eigene Unterhaltung, möge jeder für sich entscheiden. Mir jedenfalls hat etwas der Schwung gefehlt und ein sich konstant steigernder Spannungsbogen.
Fazit: als Western ein ganz großartiges und stimmiges Zeitgemälde, toll fotografiert und voller erstklassiger Bilder. Beeindruckende Schauspielerleistungen, aber eine in Sachen Spannung etwas schwächelnde Geschichte. "True Grit" ist sehr nah am älteren Vorgängerfilm mit John Wayne, der in Jeff Bridges einen mindestens ebenbürtigen Nachfolger gefunden hat. Einen deutlichen Unterschied fand ich nur darin, dass in der Wayne-Fassung der Krebskrankheit der Hauptfigur weit mehr Gewicht geschenkt wird - vielleicht bewusst durch die reale Krebserkrankung John Waynes, dessen letzter Film vor seinem Tod es werden sollte. Durch seinen knochentrockenen Realismus, der ein ungeschöntes Fenster in eine andere Zeit öffnet, finde ich persönlich aber "True Grit" noch einen Tick besser und stimmiger als den Erstling. Nicht unbedingt ein typischer Coen-Film, aber doch erkennbar mit eigener und spürbar guter Regie-Handschrift.