Über Kunst lässt sich trefflich streiten. Das möchte ich aber gar nicht. Ich versuche nur an das, bei jedem Menschen auf irgendeine Weise vorhandene, Kunstverständnis zu appelieren. Kunst ist mal blendend schön, aber auch mal roh und dreckig, wild und apokalyptisch. Mit letzterer haben wir es hier zu tun.
Würde man diese CD der Allgemeinheit zwangsweise auf die Ohren drücken, würden 95 Prozent vor Schreck in den nächsten Graben hüpfen. 'Musik, als wenn die Russen kämen', sagte mein Großvater kopfschüttelnd als er mich einmal beim Abspielen der DoLP überraschte. Seine Sorgenfalte auf der Stirn habe ich bis heute (es liegen 25 Jahre dazwischen) im Gedächtnis. Eine Sorgenfalte, die sich wohl auch heute noch bei allen 'normalen' Musikkonsumenten, egal ob sie Eltern, Großeltern, Onkels oder Tanten sind, durchs Gesicht zöge.
Dass ist aber auch genau der Ansatzpunkt, an dem ich diese Musik festmache! Viele von euch älteren Semestern erinnern sich sicherlich noch an die Mittsechziger Jahre, als Stones, Beatles, Yardbirds, Who und was weiß ich wer noch alles, die jungen Leute verrückt machten. Viele haben sicherlich auch noch die abwertende Meinung der damaligen Erwachsenengeneration im Ohr: Als 'Negermusik', beschimpfte man alles, was auch nur ein bisschen wild, rauh oder auch nur hype war. Heute findet sich kaum noch jemand, der sich über die genannten Bands ereifern würde.
-Nur bei der 'Trout mask replica' sind sie wieder alle vereint; die bringt sie alle auf die Palme!! 'Trout mask replica' ist auch heute noch vielen ein unverstandenes Rätsel voller vermeintlicher Misstöne das befremdet, verstört oder geradezu provoziert. Leute, dass, und nichts anderes war der Sinn dieses Albums. -Und wie frisch und unverbraucht es heute noch ist, zeigen die Reaktionen darauf. Da sind die wenigen, die die Scheibe, den Captain und seine Musik verstanden haben und damit ihren 'Deal' gemacht haben; Leute, die diese Musik durchaus 'erleben' und 'erhören' können. Dann gibt es eine ganze Schar an Mitläufern, die das Album zwar im Schrank stehen haben (weil man's ja haben muss) aber nie damit zurecht kamen. -Und dann gibt es die große Mehrheit, die mit dieser Musik absolut nichts anfangen kann. Diesen Leuten nutzt es dann aber nicht, mit dem Hinweis zu kommen, dass man sich sonst mit schwieriger Musik zu beschäftigen weiß. Das könnte einem schnell (ich betone hier ausdrücklich, dass ich das selbst nicht tue!) als hohle Phrase ausgelegt werden. Wer sich mit schwieriger Musik (egal ob die vom Captain, von den Residents oder Eela Craig stammt) beschäftigen kann, der kommt auch mit der 'Trout mask replica' zurecht. -Punkt!
Natürlich habe ich vor all denen Respekt, die sagen, dass dieses Album über ihre Grenzen hinausgeht. Das ist kein Thema, denn diese Scheibe fordert den Hörer über Gebühr. Sie ist definitiv das sperrigste Stück der Rockmusikhistorie. Aber: Wer sie sich einmal 'erhört' hat, für den bietet sie einen wohl unendlichen Hörgenuss, der auch nach dem hundertsten Durchgang immer wieder Neues offenbart!
Ich kann und möchte keine einzelnen Titel hervorheben. Die Scheibe ist ein Gesamtkunstwerk. Ich kann auch niemanden dazu raten, sie sich in voller Länge auf die 12 zu geben. Man muss sie sich Stück um Stück, Take für Take erarbeiten. -Und selbst dann funktioniert sie nur, wenn man offen und vorurteilsfrei an sie herangeht.
Musikalisch bietet 'Trout mask replica' einen rauhen, wilden Bluesrock, der immer wieder von Jazz- und Boogie-Einlagen und teils 'freien Musikformen' durchdrungen wird. Einzelne Titel beruhen auf reinem Blues, andere kann man vielmehr dem Freejazz zuordenen. Die Scheibe bietet einen wilden Ritt, ja ein wahres Rodeo durch die genannten Musikstile. Der mitunter bis an den Rande der Selbstzerstörung gehende Gesangsstil des Captain tut sein übriges. Vielleicht ist das die musikalische Apokalypse, vielleicht der Vorhof zur Hölle, vielleicht ist es aber auch nur so, als wenn die 'Russen' kämen...
Wem empfiehlt man so ein Album? Sicherlich erstmal allen geduldigen und beharrlichen Menschen, die Rockmusik 'leben' und auch 'hören' können. Dann all denen, die mit vermeintlichen Misstönen (sei es aus der Jazz- oder der Rock-Ecke) umgehen können und daran Spass haben. -Und letztlich auch all denen, die sich die (musikalische) Kunst auf die Fahnen geschrieben haben (wobei die 'Trout mask replica' hier mehr mit einem Hieronymus Bosch zu vergleichen ist, als mit Dürer oder Tizian). Außerdem ist auch derjenige klar im Vorteil, der den Begriff Dada nicht mit 'gaga' verwechselt...;-)
'Trout mask replica' ist ein Album, das schmerzt, das von Blut, Schweiß, Dreck und Tränen lebt. -Und genauso muss man sich diese Scheibe 'erhören'. Sie ist ein hartes Stück Arbeit und alles andere als ein erholsamer Nachmittagsspaziergang. Wer sich dessen bewusst ist, wird wirklich sein Leben lang nicht mehr davon (oder zumindest von einzelnen Titeln) lassen können.