"Das Leben ist eine mißliche Sache, ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken", beschloss Arthur Schopenhauer bereits in jungen Jahren. Alain de Bottons neues Buch versucht sich an der Frage: Kann das Nachdenken solch eingefleischter Pessimisten wie Schopenhauer Menschen Trost spenden, die sich in einer "misslichen" Lage befinden und an sich oder am Leben zweifeln?
De Botton, selbst in London Dozent für Philosophie, hat aus der langen abendländischen Philosophiegeschichte sechs Denker ausgewählt: Epikur ist sein Gewährsmann, wenn es um die Erkenntnis geht, dass die wichtigsten Dinge auf Erden nicht mit Geld zu kaufen sind. Montaigne hilft, sich mit der eigenen Unvollkommenheit abzufinden. Und Nietzsche legt die Einsicht nahe, dass "nicht alles, wonach wir uns besser fühlen" auch gut für uns ist. Den prominenten Reigen der Trostspender runden Sokrates und Seneca ab.
Das Rezept hat sich bewährt: Wie in seinem erfolgreichen Wie Proust Ihr Leben verändern kann destilliert de Botton auch diesmal aus teilweise nicht gerade leicht lesbaren Werken ein kurzweiliges und amüsantes Buch, das andererseits nie in Plattheit abzugleiten droht. Mit beneidenswerter stilistischer Leichtigkeit streift der Autor durch Leben und Werk der berühmten Denker, steuert auch eigene Anekdoten und Gefühle bei, illustriert das Ganze mit vielen Abbildungen und hat am Ende recht eindeutig bewiesen, dass die Philosophie manchmal lebenspraktischer sein kann als man gemeinhin denkt.
Ob nun Schopenhauer tatsächlich jemandes Liebeskummer zu lindern vermag mit seiner These, dass der "Endzweck aller Liebeshändel" nun mal die Fortpflanzung und deshalb der gesamte Komplex unserer Einsicht und Beeinflussung entzogen sei, darf eher bezweifelt werden. Aber Trost der Philosophie ist auch nur am Rande als Ratgeber zu verstehen -- es ist vor allem eine originelle und auf jeder Seite lesenswerte Einführung in philosophisches Denken und Handeln. --Christian Stahl
Trost und Glück der Philosophie
Alain de Botton und andere Lebenslehrer
Es gibt Gebiete des Wissens, in denen Fortschritt kaum noch nötig scheint. Was wäre den von Nietzsche und Montaigne, von Schopenhauer und Epikur gefassten Einsichten über das Leben noch Grosses hinzuzufügen? Seneca und Gracian sind weder unverständlich noch absurd, sondern tief und klar vielleicht geben sie deshalb weder für einen philosophischen Forschungsbeitrag noch für eine Seminarsitzung guten Stoff ab. Die Vergegenwärtigung von Lebenslehren bleibt daher meist ausserhalb der akademischen Philosophie sich Bewegenden vorbehalten.
Ein für diese Aufgabe Prädestinierter ist der in Zürich geborene und in London lebende Alain de Botton. Kaum dreissig, legte er im letzten Jahr dem englischsprachigen Publikum sein mittlerweile fünftes Buch vor, dessen ausgesprochen gut lesbare deutsche Fassung jüngst erschienen ist (übersetzt von Silvia Morawetz). Bereits im Titel des Buches «Trost der Philosophie» erweist Botton diskret der Denkgeschichte die Ehre (der römische Philosoph Boethius ist Autor eines Buches gleichen Namens, das sich viele Jahrhunderte gut verkaufte).
Bilderwelt
Seinem englischen Umfeld hat sich der kommerziell erfolgreiche Schweizer Schriftsteller-Philosoph blendend angepasst. Nicht nur wird seine Prosa gelobt («a style to die for»), die ganze Machart des Buches zeugt von der erfolgreichen Aneignung britischen Stils als der Kunst, ohne Plumpheit persönlich zu werden. Und persönlich zu werden sollte nicht unbedingt vermeiden wollen, wer über Lebenskunst schreiben möchte. Annemarie Piepers «Glückssache. Die Kunst, gut zu leben», beispielsweise, ist ein recht unpersönliches Lebenskunst-Buch, das sich als viel gelehrter erweist, als sein Titel womöglich denken lässt. Es hat die Stärken und die Schwächen eines akademischen Werkes: Es ist zweifellos materialreicher, differenzierter, schwieriger als Bottons Text aber letztlich bleibt alles ein wenig unverbindlich.
Bereits Bottons «Wie Proust Ihr Leben verändern kann» war bebildert. Der «Trost der Philosophie» schwimmt geradezu in Abbildungen, und einiges Material mag direkt der vom Autor für das britische Fernsehen entwickelten Philosophie-Serie entnommen sein. Sicherlich trügen die Abbildungen noch mehr zur Unterhaltung bei, wenn nicht ein gut Teil nur etwas mehr als daumennagelgross geraten wäre. Die Verantwortlichen beim Fischer-Verlag haben möglicherweise für einen entscheidenden Moment vergessen, dass sich in Büchern durch Anklicken nichts vergrössern lässt. In der britischen Presse ist der Bildauswahl im «Trost der Philosophie» Redundanz vorgeworfen worden. Botton schreibt von einem Gespräch im Café. Es folgt ein Bild: Leute beim Gespräch im Café. Der Rezensent gesteht, dass ihn diese Wiederholungen (nach eingehender Untersuchung mit der Lupe und diversen Flüchen auf den Verlag) häufig belustigt haben; zum Beispiel, wenn Botton gleich zu Anfang unter tunlichster Vermeidung eines Markennamens davon berichtet, wie er im Metropolitan Museum of Art «eine bestimmte Sorte amerikanischer Schokomilch zu bekommen hoffte» und einem dann eine Nesquick-Tüte gezeigt wird. Kann glücklich heissen, wer über solche Albernheiten nicht zu lachen vermag? Alles in allem haben aber selbst die am übelsten gelaunten Rezensenten dem Buch Witz zugestanden, manche etwas gönnerhaft, andere rückhaltlos begeistert. Alain de Botton schickt sich an, eine öffentliche Person zu werden, die Leute beginnen sich mit ihm zu beschäftigen. «For an egghead, Alain de Botton suddenly finds himself a hot property», hiess es in «The Times».
Anstoss zu dem Buch, so erzählt er, erhielt er von Jacques-Louis Davids «Tod des Sokrates», auf das er zufällig im Metropolitan Museum (bei der Jagd nach jener Schokomilch) stiess. Sokrates hatte sich durch die Anfeindungen und den drohenden Tod nicht beirren lassen. Das Bild beeindruckte Botton, «weil das darauf abgebildete Verhalten in scharfem Widerspruch zu meinem eigenen stand. [. . .] Ich suchte die Zustimmung von Menschen, die Autorität besassen, und dachte nach Zusammentreffen mit ihnen eine geraume Zeit darüber nach, ob sie mich wohl akzeptabel gefunden haben.» Das Tröstliche an Sokrates' Schicksal liegt darin, dass jemand ein grosser Mensch und dennoch unbeliebt sein kann; oder positiv gewendet: Das nicht auf Popularität achtende Streben nach Einsicht ist etwas Bewundernswertes. Nicht originell? Nein, natürlich nicht. Aber Bottons Assoziation von Sokrates' Aussehen mit dem des «Elefantenmanns», der ja auf seine Art auch nicht beliebt war, ist nicht nur cheeky, sondern hat einen durchaus anrührenden Effekt. Und genau darum geht es in der Vergegenwärtigung von Lebenslehren um Eindringlichkeit, nicht um Neuigkeit.
Frust, Lust
Alain de Bottons Trostspender bei Geldmangel ist Epikur, der den Dreiklang des Glücks: Freundschaft Freiheit Besinnung, entdeckte. Es ist ein Trost mit Haken. Zwar kann Geld keine Liebe kaufen, aber kein Geld kann das auch nicht. «Es ist natürlich unwahrscheinlich, dass Wohlstand einen Menschen je richtig unglücklich machen wird. Der springende Punkt von Epikurs Behauptung ist der: Besitzen wir zwar Geld, aber keine Freunde, sind unfrei und leben gedankenlos, so werden wir niemals wirklich glücklich sein. Und haben wir das alles und fehlt uns nur das Vermögen, so werden wir niemals wirklich unglücklich sein.»
Die nächste Tröstung gilt etwas unspezifisch der «Frustration» (überboten nur durch die noch unspezifischere Überschrift des Abschlusskapitels «Schwierigkeiten» wohl das trostloseste des Buches; Mentor ist dort der arme, kranke Nietzsche). Vom vortrefflichen Seneca ist hier zu lernen, dass Frustrationen hauptsächlich auf dem Irrtum beruhen, dass es die Welt auf uns abgesehen hätte. Es ist Wahnsinn, wenn wir über den Strassenlärm in Zorn geraten oder weil der Zug schon wieder Verspätung hat diese Störungen werden nicht veranstaltet, um uns von unseren Vorhaben abzuhalten. Hinter dem Zorn steht die verrückte Vorstellung, eigentlich sei die Welt nach unseren Wünschen eingerichtet, und wenn etwas nicht gelinge, so sei bestimmt eine böse Absicht dahinter.
Für den Trost bei gebrochenem Herzen ist bei Botton Schopenhauers Lehre zuständig, dass heterosexuelle Beziehungen notwendigerweise ins Unglück führen. Denn was Paare zusammenbringt, ist die unbewusste Hoffnung, gesunde Kinder zu erzeugen. Zu diesem Zweck verkuppelt die Natur Menschen mit komplementären Eigenschaften. Eben deshalb sind Leute, die gesunde Kinder haben können, auch solche, die unmöglich Glück miteinander erleben werden. Sie passen zwar zu ihren Kindern, aber nicht zueinander. So Schopenhauer. Wer weiss, ob Botton dies wirklich glaubt oder akutes Liebesleid mit einer kleinen Geschichte von den grossen Lebensmächten lindern will? Ganz in diesem Sinne schrieb der Rezensent der «Irish Times»: Ob die enthaltenen Lehren hülfen oder nicht, das Buch sei jedenfalls gut geschrieben. Und dies sei bekanntlich immer ein Trost.
Postscriptum: Wem «Trost der Philosophie» zu verspielt ist oder wer keinen neuen Reiz in ihm zu finden hofft, der könnte sich härterem Schrot zuwenden, etwa dem bereits erwähnten Buch von Annemarie Pieper oder dem eindringlichen Text «Die Kunst zu leben. Sokratische Reflexionen von Platon bis Foucault» von Alexander Nehamas. Pascal Bruckner findet, dass in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Glückszwang über uns verhängt wurde, unter dem wir alle zu leiden haben. Wer nicht glücklich ist, soll sich schämen, dies sei der neue Psychoterror. Die Lektüre bestätigt die alte Vermutung, dass ein gelungener Aphorismus nur selten das Zeug zu einem ganzen Buch hat.
Michael Schefczyk